Buchkritik: Dumbing us Down (Schulkritik) – John Taylor Gatto

John Taylor Gatto - Dumbing us Down

Bild 1: Cover vom Buch “Dumbing us Down”

Heute geht es um das ca. 25 Jahre alte – aber immer noch aktuelle Buch: “Dumbing us Down – The hidden Curriculum of Compulsory Schooling” von John Taylor Gatto, im Deutschen: “Verdummt noch mal! Dumbing us down: Der unsichtbare Lehrplan oder Was Kinder in der Schule wirklich lernen” (hier eine Leseprobe).

Worum gehts im Buch?

Der Autor schreibt über die eigentliche Aufgabe der Schule, welche leider nicht die (effektive) Vermittlung von Wissen und Erfahrungen ist, sondern u.a. die Zerstörung von Eigenschaften wie Kuriosität und Konzentrationsfähigkeit, die Konditionierung von bestimmten Verhaltensmustern und Abhängigkeiten. Weiter führt er aus, das Kinder heutzutage (im Bezug auf 1990) zwischen Schule, TV kaum noch freie Zeit haben um wirklich eigene Erfahrungen in der Familie und der sozialen Gemeinschaft Ihres Lebensumfeldes zu machen. Anstelle dessen treten heute Institutionen und Netzwerke welche die Menschen von sich selber und anderen emotional trennen, da Netzwerke (u.a. Schulen) aufgaben- und/oder funktionsorientierte Zusammenschlüsse bzw. Verbindungen sind, aber nicht die soziale und emotionalen Komponente von tiefen Beziehungen und gemeinschaftlichen Bindungen ersetzten (können).

John Taylor Gatto

Gatto, den ich auch auf meinen statischen Webseiten auf hcfricke.de verlinkt habe, ist ein (mehrfach ausgezeichneter) US Lehrer der seinen aktiven Schuldienst in New York nach über zwei Dekaden quittiert hatte und mit Dumbing us Down einige seiner Reden veröffentlicht hat, welche die grundsätzlichen Problem im Schulsystem aufzeigen. Auf Youtube finden sich auch sehr viele überaus interessante Vorträge von Gatto, wobei ich insb. dieses 5,5 Stunden Interview mit Ihm empfehlen kann.

Hier geht Gatto auch ziemlich weit zurück in die Geschichte und schildert die Ursprünge und ziele des Schulsystems was u.a. die US von Preußen übernommen hatte. Auch dort war nicht das Ziel unabhängige, freie und selbstbestimmte Individuen zu ‘produzieren’, sondern Menschen die im System funktionieren und einer Obrigkeit (Klassensystem) gehorchen bzw. sich in dem Klassensystem freiwillig ein- und unterordnen. Gatto zitiert dabei sehr viele Primärquellen (Bücher, Aufsätze, Reden, etc.) der damals entscheidende Personen und Hintergründe.

Schule ist zum lernen da?

Wer Hirnforscher Gerald Hüther, Manfred Spitzer und andere verfolgt, der hat sicher schon mitbekommen – u.a. auch aus eigener Erfahrung – das ‘man’ bzw. wir nur dann gut lernen, wenn uns etwas interessiert, wenn wir Spaß daran haben, wenn wir den Sinn im Lernen sehen – ob alleine – oder in Gemeinschaft mit anderen Menschen.

Was passiert nun aber in der Schule? In kürze die Thesen von Gatto:

  1. “Confusion” (Verwirrung). Alles was gelehrt wird ist ohne Kontext: Der Orbit der Planeten, die Gesetze der Zahlen, Geschichte der Sklaverei, Adjektive, architekturelles Zeichnen, Tanzen, Gymnastik, Programmiersprachen, etc. pp. Anschließend Tests die standardisiert ‘Wissen’ abfragen und alle 45 Minuten ein Kontextbruch – ein komplett anderes Fach. Was vermittelt wird sind fakten, aber oft ohne Sinn und Zusammenhang, ohne Rücksicht auf Interesse, Neigung, Alter und Situation des Schülers, etc. pp.
  2. “Class position” (Klassenposition). Gatto schreibt u.a.: Die Lektion der Klassen ist das jeder seinen richtigen Platz  in dem Pyramidensystem der Schule hat und das es daraus keinen Ausweg gibt.
  3. “Indifference” (Gleichgültigkeit). Kindern wird beigebracht gleichgültig zu sein, denn egal was in der Schulstunde unterrichtet wurde – wenn die Glocke läutet wird damit aufgehört, auch das wichtigste in der Welt wird im nächsten Moment unwichtig. Gatte schreibt das “Glocken die geheime Logik der Schulzeit” sind.
  4. “Emotional Dependency” (Emotionale Abhängigkeit). Über Bewertungen, Preise, Schande, gewährte und entzogene Privilegien, etc. – denn Grundrechte existieren in der Schulde nicht – nicht einmal freie (unsanktionierte) Meinungsäußerung, es sei denn der Lehrer autorisiert dies.
  5. “Intellectual Dependency” (Intellektuelle Abhängigkeit). Gatto schreibt: “Gute Schüler warten auf den Lehrer um Ihnen zu sagen was Sie tun sollen“. Die Lehrer geben dabei weiter was Ihnen aufgegeben wird, war Wahrheit und Theorie ist – und welche kleine Anzahl von Dingen aus den Millionen von Dingen gelehrt werden. Schüler lernen das es für alles Experten gibt die einem sagen können was zu tun und/oder richtig oder falsch ist.
  6. “Provisional Self-Esteem” (vorläufige Selbstachtung). Gatto schreibt das es sehr schwer ist Kinder die sehr selbstsicher sind (weil Sie Eltern haben die Ihren Bedingungslose Liebe entgegenbringen) zur Konformität zu bringen. Deswegen werden Kinder in der Schulde konstant bewertet und beurteilt. Wichtig ist dabei die Karte der Unzufriedenheit zu spielen, so das Kinder nicht zu viel vertrauen in sich selber haben, sondern sich indes auf externe und offizielle Bewertungen verlassen.
  7. “One Can’t Hide” (man kann sich nicht verstecken). Gatto schreibt: “Ich lehre den Schülern das Sie immer beobachtet und unter konstanter Überwachung durch mich und meine Kollegen stehen – es gibt in der Schule keinen privaten Rückzugsraum, keine private Zeit“. Durch Hausaufgaben wird dies sogar bis in die Privatsphäre ausgedehnt.

Weiter schreibt Gatto, das aus seiner Erfahrung unter hundert Stunden ausreichen um lesen und Schreiben sowie Rechnen zu lernen, das die Quote der Analphabeten im Amerika vor der Zwangsschule deutlich höher war als nach deren Einführung, das Kinder eine natürliche Kuriosität haben und Dinge aus eigenem Antrieb lernen, wenn man Sie nur ein einer Gemeinschaft aufwachsen lässt und einbettet, Ihnen Verantwortung gibt und Sie unterstützt.

Es ist aber gerade das Ziel der Schule gewesen den Zeitraum der ‘Kindheit’ auszudehnen um die Selbstbewustsein und Eigenständigkeit der nachwachsenden zu verringern und die vorgenannten Dinge tief im Wesen zu verankern – denn zu selbstbewusste Menschen sind ein ‘Problem‘ für unser bzw. das System, also die (bereits) etablierten Macht- und Sozialstrukturen. Gatto führ dies und weiteres in den nachfolgenden Kapiteln des Buches aus.

Verschwörung?

Nö, alles ganz normal. Wer sich z.B. mit der PISA-Studie der OECD beschäftigt wird irgendwann auch über folgende Textstelle stolpern, die es 1961 in unmissverständlicher Offenheit formuliert (Quelle: Zur Aktualität der Kritischen Theorie für die Pädagogik, Seite 75):

“Heute versteht es sich von selbst, dass auch das Erziehungswesen in den Komplex der Wirtschaft gehört, dass es genauso notwendig ist, Menschen für die Wirtschaft vorzubereiten wie Sachgüter und Maschinen. Das Erziehungswesen steht nun gleichwertig neben Autobahnen, Stahlwerken und Kunstdüngerfabriken.”

Intellektuelle Fähigkeiten gelten heute als eine Form des wirtschaftlichen Kapitals, das wie ein Spinnrad oder eine Getreidemühle als Produktionsfaktor wirtschaftlichen Ertrag bringt. Im Blog Fassadenkratzer wird dazu noch kommentiert:

“Der Mensch soll nicht mehr im Sinne der christlichen Humanitätsideale Europas, also zur autonomen, sich selbst bestimmenden Individualität gebildet, sondern zu immer neuer Anpassung an die abstrakten Anforderungen der Wirtschaft befähigt werden. Anpassungsbereitschaft und -fähigkeit gelten der OECD als Schlüsselkompetenzen.”

Noch Fragen Kienzle?

Abschluss

Mehr möchte ich hier nicht schreiben – das Buch ist selber nur knapp über 100 Seiten lang und erschließt dem Leser einen Einstieg in die Materie. Wie ich schon in den vorgenannten Seiten (‘Leben‘) auf hcfricke.de schrieb, wird (meiner Ansicht nach) erst mit dem lesen von Gatto (oder anderen Autoren die den Themenkomplex analysieren) die Kritik von Hirnforscher Hüther & Co. an der Schule klar.

Wo Hüther sagt wie das lernen funktioniert (was identisch mit den Erfahrungen von Gatto ist) und die Schule verbessert werden könnte – erklärt Gatto warum die Schule so ist wie sie ist. Ggf. weiß Hüther dies auch – nur thematisiert er es ggf. nicht um nicht in Ungnade der Medien und des Systems zu fallen.

Aber auch die Lehrer sind nur ein Glied in der Kette das zu funktionieren hat – und wissen sicher in der Regel von dem was das hintergründige Ziel bzw. die historische Perspektive ist gar nichts (insb. wenn Sie mit der Ausbildung anfangen). Auch können die Lehrer, sollten Sie dies alles erkennen, in dem System Schule auch nur wenig ändern bzw. abmildern. Sie, die Lehrer, stecken selber in der gleichen Falle, in dem gleichen System – einem System das Konformität verlangt, bewertet und sie letztendlich bezahlt.

Bezüglich meiner eigenen Schulzeit wird mir nun so einiges klar. So bin ich meinen Lehrer von der 7-9 Klasse sehr dankbar – er hat sich extrem stark und sehr individuelle für seine Schüler eingesetzt und versucht in diesem System das beste herauszuholen und insb. Gemeinschaft zu schaffen! Aber ich verstehe auch die Muster, Krisen und ggf. auch die Lethargie in der anderen Lehrer ggf. gesteckt haben besser.


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