Phtalate, BPA, Plastik – ein Nachschlag

Was ist in welchen Kunststoffen und Plastik

Was ist in welchen Kunststoffen. Quelle: [3]

Also das Thema BPA und Phtalate hat mich irgendwie nicht los gelassen und ich habe mir mal ein paar mehr Videos angeschaut – also von Forschern und Wissenschaftlern die da schon länger unterwegs sind.

Das erste Video [3] aus 2010 ist über Chemikalien in Plastik welche starke Auswirkungen auf unser Hormonsystem (Endokrinsystem) haben – denn das ist worauf u.a. Weichmacher im Plastik ganz besonders wirken. Im Video geht es grob darum wo BPA & Co. vorkommt, was davon in die Lebensmittel ‘leckt’ und wie schädlich gerade BPA für uns ist (-> werdende Mütter, kleine Kinder und auch Männer).

Kritische Arten von Plastik und Ihr Vorkommen

Aus dem Video stammt auch die oben/nebenstehende Folie, wobei das:

  • BPA in PVC (#3) und anderem Plastik (#7) vorkommt.
  • Extrem problematisch soll jedoch auch auch PET (#1) sein, weil es Phtalate und Antimon enthält.
  • Leider sind die PBDEs wohl auch nicht unbedenklich… wobei diese inzwischen in der EU verboten sind.

Ganz Krass: BPA kommt im Thermopapier von Kassenbons vor (min. 9:20), was auch die Ärztezeitung [5] bestätigt! Hier auch noch ein aktueller Beitrag von Nutritionfacts.org zu den Kassenbons – die Mengen sind substantiell und noch größer wenn vorher die Hände gewaschen und insb. eingecremt wurden!

Allerdings sollen (PBDE-Freie) Polypropylen (PP), Polyethylen (PE) sowie Polyacryl (PAN) selber keine östrogenartige Wirkung auf unser Hormonsystem haben [4]. Das ‘praktische’ Problem allerdings: Die Forscher der Studie hatten bei der Untersuchung von verschiedenen Kuststoffprodukten dennoch eine Wirkung auf das menschliche Hormonsystem festgestellt – weil diesen meist verschiedene Zusätze (UV-Stabilisatoren, etc. pp) hinzugefügt werden. Aus der Studie:

“Most PE/PP-based plastic products were presumably BPA free but nevertheless had readily detectable EA (Tables 1 and and2),2), almost certainly due to one or more additives having EA.”

Nun verstehe ich auch Herrn Dr. Volkmanns Empfehlung unbedingt auf (alle Arten von) Plastik & insb. PVC zu verzichten und diese aus den Wohnräumen und Lebensmittelbereich zu entfernen.

Bisphenol A (BPA) – Welche Krankheiten & Probleme?

Herr Saal geht auch darauf ein, was diese Stoffe mit uns machen können:

  • Krebs…
  • Unfruchtbarkeit & Auswirkungen auf das im Mutterleib heranwachsende Kind.
  • Einfluss auf das Körpergewicht, Diabetis, etc. pp.
  • Gehirnentwicklung – da BPA mit den Schilddrüsenhormonen interferiert (min. 18).
  • Auswirkung auf die Geschlechtsentwicklung von heranwachsenden Jungen.
  • Epigenetische Auswirkungen – Generationenübergreifend!
  • Übergewicht bei Kindern (siehe auch DocCheck mit Verweis auf eine aktuelle Kohortenstudie aus den USA).

Saal zieht dabei Parallelen zum synthetischen Hormon Diethylstilbestrol (DES), was Frauen in den 60ern und 70er gegeben wurde und u.a. obenstehend genannte Krankheiten ausgelöst hat. Er sagt das BPA so ziemlich das macht was das DES macht und auch die hormonell wirksamen (synthetischen) Substanzen in Anti-Babypillen (min. 16). Sind Sie ein Mann und schlucken Antibabypillen?

Plastik – Welche Dosis macht das Gift?

Welche Dosis macht das Gift bei Hormonen? Quelle: Frederick von Saal

Der Unterschied von BPA & Co. zu Giftstoffen  – in der klassischen Toxikologie – ist dort generell “mehr schlechter und weniger besser ist”. Das ist bei Hormonen wie z.B. BPA aber nicht so! Weiterhin gibt es in der klassischen Toxikologie eine (ganz geringe) Dosis, die nicht mehr als schädlich angenommen wird (ab min. 21)

Herr Saal sagt nun, das BPA & Co. zu den natürlichen Hormonen dazukommen. Der Körper reagiert dabei auf die natürliche Dosis im Körper mit der linken Kurve – bei steigender Dosis eine andere Wirkung und bei einer noch höheren Dosis eine noch andere Wirkung. Die Hormone aus Plastik kommen nun aber auf die natürlichen “oben Drauf” und bringen alles durcheinander. So können insb. sehr kleine Dosen auch große und unerwünschte Wirkungen haben. Bei mittleren Dosen passiert dann wenig und bei sehr hohen Dosen wieder sehr viel.

Was Saal noch einmal bei min 26:20 sagt ist: Hohe und sehr niedrige Dosen der Hormone machen ganz verschiedene Sachen. Die ‘chemischen’ Toxikologen gehen aber von keiner Wirkung bei sehr niedrigen Dosen aus – und das passt eben nicht zur Funktionsweise unseres Hormonsystems. Dort können eben auch kleinste BPA-Dosen entscheidende Wirkungen haben.

Bei 1:08:30 gibt es dann auch noch eine Frage aus dem Publikum diesbezüglich, weil die chemische Toxikologie nun ein Problem hat, weil diese keine Dosis mehr festlegen kann, bei der BPA & Co. noch als ‘sicher’ gelten kann. Und damit müsste man das ganze Zeug komplett verbieten…..

Unser Hormonsystem und die Wirkung von Bisphenol und Phtalaten

In diesem Vortrag, Bisphenols and Phthalates mit Dr. Carol Kwiatkowski [9] wird erst einmal das Hormonsystem erklärt – was gehört überhaupt dazu, was macht es, was kontrolliert es – und was ist ein ‘Endocrine Disruptor’, also das was BPA & Co. macht.

Dann gehts über das Vorkommen zu den Auswirkungen auf den Menschen. Problematisch ist u.a. das (min 6:30) BPA bereits bei 1/5000stel der als ‘sicher’ angenommenen Grenzwerte (negative) Effekte auf den Menschen bei einem Wert haben. Das geht dann überein mit Herrn Saal.

Noch etwas zu Phatalaten

Frau Kwiatkowski geht nur kurz auf Phtalate ein, aber auch hier sind insb. heranwachsende von den Auswirkungen betroffen:

  • Unvollständige Entwicklung der Geschlechtsteile bei Jungen (u.a. Hypospadie).
  • Übergewicht und Insulinresistenz.
  • Veränderte Hormonlevel, schlechtere Spermienqualität, frühes Brustwachstum.
  • Asthma, etc.

Zwar sind einige Phtalate & BPA in Kinderspielzeug und Babyprodukten im Einsatz restriktiert, jedoch die Menge der Produkte die Sie insgesamt enthalten ist sehr, sehr groß…

Vermeidung von BPA & Co.?

So rät auch Frau Dr. Kwiatkowski den Kontakt zu BPA und Phtalaten zu reduzieren wo es (irgendwie sinnvoll) möglich ist:

  • Vermeiden
    • Keine Kassenbons (anfassen)!
    • BPA- und Phtalat-freie Produkte verwenden
      • wobei anderes Plastik ggf. nur andere der über 100.000 Chemikalien enthalten von denen wir nicht wissen was Sie machen…
    • Keine Konservendosen (Plastik-Liner drinnen).
    • Keine Tetra-Packs (Plastik auf dem Alu bzw Karton) und andere Probleme, bei denen z.B. Druckfarben [7] mit dem Inneren in Kontakt kommen können [6].
    • Keine Produkte mit Duftstoffen!
  • Verwenden
    • Edelstahl und Glasflaschen als Alternative zu Kunststoffen.
    • Glas oder keramische Essens- und Vorratsbehälter.
    • Die Hände waschen (insb. Kassiererinnen).

Leider sind BPA-Frei beworbene Plastik-Produkte wohl auch nicht die Lösung. Warum? Weil die Ersatzmaterialen für BPA bis jetzt auf das Hormonsystem zu wirken scheinen. Aus einer Studie [4]:

“In fact, all BPA-replacement resins or products tested to date (n > 25) released chemicals having reliably detectable EA”

Zwar dürfen nach Nach der EU Rahmenrichtlinie 1935/2004 Lebensmittelverpackungen keine Stoffe auf Lebensmittel abgeben, welche der Gesundheit schaden oder die den Geruch und Geschmack von Lebensmittel verändern – aber die 3 Sat Sendung Nano [6] mit Verweis auf die deutsche Umwelthilfe [7] macht klar, das dieses in der Praxis so nicht ist und in Zweifelsfall auch die (deutschen) Behörden nicht sofort einschreiten. Das auch Materialien wie PE und PP, welche wohl auch in Dosen, Tetra Paks & Co. genutzt werden, kritisch sind – darauf hatte ich ja schon eingangs hingewiesen. Kaum ein Mensch wird kontrollieren können was alles an Zusätzen, Klebern, Stabilisatoren, etc. pp. dem jeweiligen Kunststoff zugesetzt ist.

Tolle Wurst, oder?

Frösche, Tierexperimente und Mengen

Auch noch ein schöner Vortrag von einem Wissenschaftler: Endocrine Disruptors: Sexy Stuff  – von Sc.D. John Meeker [8], der insb. auch auf die Forschungen bez. Tieren eingeht in denen bei BPA und Phtalataussetzung insb. die Geschlechtsmerkmalentwicklung teils sehr ‘extrem’ war (Zwitter, etc. pp).

Spannend auch eine Folie bei min, 11:30 die Zeit wie viel Plastik pro Jahr seit 1950 pro Jahr produziert wurde – eine exponentielle Kurve:

  • 1950: 1,3 Millionen Tonnen
  • 1970: ca. 30 Millionen Tonnen
  • 1990: ca. 100 Millionen Tonnen
  • 2002: ca. 200 Millionen Tonnen

Das heißt grob, das wenn ich die Kurve bis 2016 weiterführen würde ca. die Hälfte allen Plastiks, das die Welt je gesehen hat erst seit ca. dem Jahre 2000 produziert wurde. Meine Jugend (und die Meere) war also noch recht Plastikfrei – im Vergleich zu heute.

Am Ende des Vortrages das gleiche zu den (kritischen) Dosen was auch schon Dr. Saal thematisiert hatte und ein Hinweis darauf, das teilweise 10% des Gewichtes einiger Produkte nur aus den Endokrinsystem-Disruptoren ala BPA & Co. bestehen. Verglichen mit den Mikrodosen welche da Auswirkungen auf unser Hormonsystem haben sollen wird mir da schwummerig….

Das ganze nochmal in Deutsch – Schleichendes Alltagsgift Bisphenol A

Wer das ganze in Kurzfassung in Deutsch schauen möchte, der sei auf folgendes Video aus 2011 – also bereits über 5 Jahre alt, verwiesen.  Es fasst oben geschriebenes noch einmal sehr gut in ca. 8 Minuten zusammen [10].

Schleichendes Alltagsgift Bisphenol A – (SWR Fernsehen)

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Was ist inzwischen passiert? Faktisch nichts. Schön auch das Interview am Ende – wo erwähnt wird das die ‘Industrie gekämpft’ hat um ein Verbot von BPA zu verhindern – anstatt proaktiv auf BPA zu verzichten. Wer noch mehr zu Weichmachern allgemein anschauen möchte, sei z.B. auf folgendes Video aus 2012 verwiesen: Der Gift Check – Gefährliche Weichmacher in Lebensmitteln (NDR). Darin geht es u.a. um die Weichmacher und Phtalaten aus Verpackungsmaterial von Lebensmitteln ein.

Und die Meere?

Auch Fisch aus den Weltmeeren scheint nicht mehr mehr einwandfrei – wegen dem Mikroplastik in den Meeren [1] (siehe u.a. auch diesen Greenpeace Bericht). Und das Mikroplastik ist dann wohl wieder Schleppmittel [2] für andere Karzinogene und interagiert mit vielen anderen Stoffen – die Forschung steht da noch am Anfang…

Mein Fazit

Nach den Vorträgen war ich echt ‘Baff’. Ich denke bei den gerade heranwachsenden und auch den nächsten Generationen werden wir die Ergebnisse dieses Großversuchs sehen. Das ganze erinnert mich an ein gutes Zitat aus einem anderen Podcast:

“Wir schwimmen in einem See von Östrogenen….” (Daniel Knebel)

… wobei diese Stoffe natürlich keine Östrogene sind, sondern Substanzen, welche auf unser Hormonsystem östrogenartig wirken. Ggf. ist ja auch diese massive Häufung von (angeblichem) Hashimoto (gefühlt ja schon bald manchmal 1/4 der weiblichen Bevölkerung) auf die hormonelle Wirkung der Weichmacher zurückzuführen – welche das Hormonsystem und damit auch die Schilddrüse durcheinanderbringen. Dr. Saal thematisierte das ja in seinem Vortrag.

Meine Vermeidungsstrategien

Auf jeden Fall habe schon einiges an Plastik im Haushalt reduziert:

  • Keine Plastikschneidbretter, sondern Holz.
  • Möglichst alle Utensilien (Pfannenwender & Co.)  aus Holz.
  • Kein Tupper & Co. sondern Bügelgläser, Schraubgläser oder Keramik.
  • Keimgläser aus Glas und Edelstahl – anstatt Acrylglas (wobei letztere eines bekannten Herstellers zumindest BPA und Cadmiumfrei sein sollen).
  • Keine fetthaltigen Produkte, insb. keine Milchprodukte – gerade die Fette ‘sammeln’ Weichmacher, u.a. aus Melkschläuchen, Folien (Käse) und Maschinen/Behältern während der Produktion.
  • Möglichst Plastik-Umverpackungsfrei.
  • Einkauf in Bio-Baumwollbeutel (ungefärbt).
  • Möglichst immer Glasflaschen Kaufen – nie Dosen, insb. nichts Säure- oder Fetthaltiges in Dosen oder Tetra-Packs (z.B. Suppen, Tomaten, Kokosmilch, etc.).
  • Möglichst Geräte mit Keramik, Edelstahl oder noch besser Emaille kaufen, wenn diese mit Lebensmittel in Berührung kommen (u.a. Wasserkocher, Rührschüsseln, Mixer, etc.).

Immer Stück für Stück austauschen – mit einem Ruck ist das alles kaum möglich, denn es braucht ja auch Ersatz und der ist ja nicht umsonst.

Ach ja: Bei Papiertüten aus Recycling wäre ich vorsichtig: Die können mit Druckerfarben, Ölen und Plastikresten kontaminiert sein. Da sind waschbare und wiederverwendbare Beutel aus Bio-Baumwolle ggf. hygienischer und auch ressourcensparender.


Quellen

Links