Bullshit oder sinnvoll?: Urin Jod-Sättigungstest & Hochdosis-Jod (nach Brownstein, Flechas und Abraham)

By | 6. März 2019
Jod-Belastungstest (24h Urin und 50mg Jod) - Wirklich sinnvoll und Aussagefähig?

Jod-Belastungstest (24h Urin und 50mg Jod) – Wirklich sinnvoll und Aussagefähig?

Viel lässt sich im Internet über den ‘Jod-Sättigungstest’ (oder Jod-Belastungstest) nach Abraham & Flechas [1] im Internet lesen und finden. Hier werden dem Patienten 50 mg Jod (in Form von 4 * Iodoral 12,5 mg Tabletten) verabreicht. Danach wird dann der Urin für 24h gesammelt und der anteil an Jod im Urin gemessen. Werden weniger als 90% Jods im Urins (~ 45 mg) ausgeschieden (‘Cutoff’-Punk) , dann wird dem Patienten ein Jod-Mangel attestiert [6][7][8] und eine Jod-Therapie mit Hochdosis-Jod (u.a. Lugolsche Lösung) nach dem ‘Salz’-Protokoll von Brownstein vorgeschlagen [2].

Meine Frage war: Ist das alles wirklich so einfach? Und stimmt die Annahme, das der Körper das ganze Jod wirklich innerhalb von 24h ausgeschieden wird wenn er genug Jod hat?

Mein Vor-Fazit nach meinen Recherchen ist, das die Annahmen und diagnostische Aussage des Jod-Sättigungstest – so wie er aktuell propagiert wird – nicht zu halten sind. Einer massiven Jod-Supplementation auf Basis der ‘Diagnose’ dieses Tests stehe ich ebenfalls sehr, sehr kritisch gegenüber!

96,5-99% aller Menschen mit Jodmangel? Sicher nicht!

Eine Evaluation des Jod-Sättigungstest [3] gibt mit Quellen auf Flechas und Brownstein an, das diese für ca. 96,5% (Flechas) bzw. 99% (Browstein) [9] Ihrer Patienten einen Jod-Mangel nach den Kriterien des Jod-Sättigungstest festgestellt haben wollen (bei je >4000 Subjekten!) – was auch von anderen Quellen bestätigt wird [11]. Das mal eben 96,5%-99% der Patienten einen elementaren Jod-Mangel haben mag zwar auf den ersten Blick gut für das Geschäft sein – es ist (nicht nur) für mich jedoch nicht plausibel.

Auf welchen Annahmen basiert nun der ganze Jod-Sättigungstest ?

  • a) Das alles Jod von den 50 mg was nach 24h nicht ausgepinkelt wird vom Körper auch genutzt wird
    • Und natürlich das alles was über Schweis & Stuhl ausgeschieden wird im Vergleich unerheblich ist
  • b) Das wenn weniger als 90% des Jods über den Urin ausgeschieden wird, der Körper das Jod auch aktiv zurück hält bzw. nutzt!
    • Die 90% Marke scheint jedoch eher willkürlich gewählt…

Das Problem: Es ist zwar dokumentiert das ca. 90% des Jods bei Einnahme (von vielem 100 mg) wieder ausgeschieden wird – nur nicht innerhalb der von Abrahams, Brownstein & Co. angenommenen 24h [10]. Wem das als ‘Versenker’ nicht ausreicht – der sollte weiter lesen…

Werden wirklich 90% des Jods über den Urin in 24h ausgeschieden?

Jod-Belastungstest und Ausscheidungs-Verlauf von Jod nach 24, 48 und 72h

Jod-Sättigungstest und Ausscheidungs-Verlauf von Jod nach 24, 48 und 72h

In kürze ist die Antwort wohl: NEIN!

Das Tolle: Dazu gibt es sogar eine Untersuchung eines Labors [3][5], welches genau dieser Frage nachgegangen ist und bei dem Test 10 Patienten je 50 mg Jod in Form von 4 * 12,5 mg Iodoral zu sich nahmen. Dann wurde das Jod im Urin gemessen:

  • 24h vor der Einnahme von 50 mg Jod (nur um sicher zu gehen).
  • 24h nach der Einnahme von 50 mg Jod
  • 48h nach der Einnahme..
  • 72h nach der Einnahme..

Das Ergebnis? Es wurde im Schnitt noch 16,1% der 50 mg Iodoral-Dosis in den 48h nach der ersten 24h Messung ausgeschieden! 

Damit ist die Annahme bzw. ‘willkürliche Festlegung’ des 90% ‘Cutoffs’ nicht zu halten bzw. faktisch nicht erreichbar – was ja auch die Ergebnisse von Flechas und Brownstein zeigen -> Fast alle Patienten sind angeblich ‘Unterjodiert’. Warum? Werden ca. 16% des Jods (ca. 8 mg) nicht mitgezählt, dann ist es natürlich leicht nachzuvollziehen, das die 90% Ausscheidung (45 mg) effektiv nie erreicht werden können. Zudem ignoriert die Messung nach Abraham, Brownstein & Co.  noch die Verluste über den Stuhl [12] (ist zumindest bei Kühen so) und ggf. auch Schweiß [13] (wobei das wohl bei den mg-Dosen an Jod zu vernachlässigen ist).

Aber es gibt noch weitere relevante Probleme:

  • Um Messfehler zu vermeiden müss(t)en die Patienten wirklich alles an Urin aufsammeln – wirklich alles! Studien zeigen jedoch auf, das bis zu ca. 10-20% des Urins durch Nachlässigkeit der Patienten verloren geht bzw. nicht gesammelt wird [3].
  • Bei einer Urin-Sammlung reicht es zudem nicht, die vorherige Jod-Supplementation (oft betrieben im Rahmen einer ‘Kontrol-Untersuchung’ bei Hochdosis-Supplementation) nur 24-48h vorher abzusetzten. Ansonsten wird zusätzliches Jod ausgeschieden und dies verfälscht den Test (was in diesem Falle ggf. positiv ist – da dann ggf. von einer weiteren Jodierung abgesehen wird).

Insofern ist aus meiner Sicht der ganze Jod-Belastungstest mit dem 90% ‘Cutoff’ nach Brownstein & Abraham ziemlicher (und ggf. gefährlicher) Mumpitz. Warum? Weil, wer sich nach einem Test ohne weiteres auf eine Hochdosis-Jod Therapie einlässt – der setzt sich meiner Ansicht nach einem hohen Risiko aus. Denn das die Schilddrüse ‘runterregelt’ oder der ‘Laden nicht mehr so läuft’ muss nicht am Jodmangel liegen – sondern kann mannigfaltige Gründe haben. Wird hier mit viel Jod der Stoffwechsel ‘gepusht’ dann kann das auch nach hinten losgehen – nicht unbedingt sofort, aber mittelfristig bzw. später. Dazu habe ich dann auch schon viel in meinem Artikel zu Jod & der Schilddrüse geschrieben. Einfach mal lesen 😉

Aber auch das ist noch nicht das Ende der Problematik…

Japaner nehmen bis zu 13 bzw. 45 mg Jod pro Tag auf? Wohl eher nicht….

Oft ist zu lesen das das Japaner ca. 13 mg Jod/Tag zuführen – meist ohne Angabe von Quellen oder Referenzen. Diese Angaben gehen auf Berichte von Abraham & Brownstein zurück [4][7], wobei nach einem Review der wohl eher zutreffenden Situation in Japan [4] nur maximal 1-3 mg / Tag verzehrt werden – und durchaus Probleme machen (… nicht umsonst heißt der Entdecker der Schilddrüsen-Autoimmunkrankheit ‘Hashimoto’). Klingelts? Wenn nicht: Der Japanische Arzt ‘Hashimoto’ hatte etwas bei vielen Japanern festgestellt, was es in Europa, USA & Co. so (noch) nicht gab. Aus der Studie [4]:

“The amount of iodine the Japanese consume daily from seaweeds has previously been estimated as high as 13.5 to 45 mg/day by sources that use ambiguous data to approximate intake [10,11], an amount 4.5 to 15 times greater than the safe upper limit of 3 mg/day set by the Ministry of Health, Labor and Welfare in Japan [12]. While high iodine intake from seaweed consumption is believed to have numerous health benefits, it has been reported to negatively affect individuals with underlying thyroid disorders [13-16].”

Die Zahlen von 13,5-45 mg gehen dann wie schon angeführt auf Brownstein, Abraham und D. Miller zurück und haben wohl keine reale Basis.

Brownsteins Salz-Protokoll mit Jod-Hochdosis-Therapie & Jod-Brom-Thesen

Brownstein hat dann mit seinem ‘Salz-Protokoll’ [2] bei dem Jod mit Lugolscher Lösung im mg-Bereich zugeführt wird noch die These, dass das viele Jod dann eventuell (zu viel) akkumuliertes Brom verdrängt.

Bioverfügbares Brom und Jod in Algen (3 verschiedene Testverfahren)..

Bioverfügbares Brom und Jod in Algen (3 verschiedene Testverfahren). Quelle: [14]

Allerdings ist Brom wohl nicht nur schädlich und wird auch von Körper benötigt. Das üblichen Algen (welche in Japan verzehrt werden) im Schnitt ca. 10 mal so viel Bio-verfügbares Brom wie Jod enthalten [14] ist zudem interessant. Bremst hier ggf. das Jod die Brom-Aufnahme? bzw. kann Jod wirklich effektiv Brom verdrängen?

Klar, Brownstein gibt nur Lugolsche Lösung – ganz ohne Brom – und so könnte Brom wirklich verdrängt werden, wie auch Fluor – was ich persönlich für noch schädlicher halte. Mir reichen nach dem ‘überführten’ Jod-Test nur die Thesen von Brownstein ohne mehr Beweise und plausible Studien nicht mehr aus. Hochdosis-Jod ist ein Experiment vor dem einfach zu viele Doktoren & Praktiker – auch sehr viele Alternative – klar abraten.

Das Brownstein dann noch ein Aufhebens um ‘richtiges’ Salz macht – in diesem Falle (eher hoch belastetes) Meersalz – das kann ich dann gar nicht mehr nachvollziehen. Begleitend werden dann noch Selen, Magnesium, B3, B2, Vitamin C, Zink, etc. empfohlen – was ich zumindest für einen ‘Lichtblick’ halte. Aber auch hier sehe ich ein Problem: Die Speicher an Selen (sehr wichtig), Zink und Magnesium sollten schon vor solch einem ‘Experiment’ gut aufgefüllt sein – nicht erst währenddessen. Zudem beachtet die Empfehlung bzw. das Protokoll von Brownstein nicht die anderen Co-Faktoren für die Schilddrüse, den Stoffwechsel, den Zustand der Nebennieren, eine Schwermetallbelastung, eine HPU, etc. pp.

Iodoral (Optimox), Brownstein, Abrahams & Co.

Was ich noch spannend fand ist das die Firma Optimox eine der wenigen Quellen ist, die alle Veröffentlichungen von Abraham & Brownstein auf Ihrer Webseite zur Verfügung stellt. Die Original-Artikel konnte ich anderweitig eher nicht finden oder ausmachen. Die Dosen, die von der Fa. Optimox angeboten werden orientieren sich dann auch sehr stark an den von Brownstein propagierten Mengen. Über die Struktur und Eigner dieser privaten Firma konnte ich nichts finden…. ‘Privat’…. lalalalala….

Mein Fazit

Nicht alles was in Büchern steht, irgendwie propagiert und nachgemacht wird ist immer sinnvoll, richtig und plausibel. Gleiches kam ja auch schon bei meiner Recherche zu Chlorella heraus – welches viel in der alternativen Szene verwendet wird ohne die aus meiner Sicht nötige Recherche gemacht zu haben. Insofern lag ich mit meiner ‘Nicht-Empfehlung’ für ein Buch über Jod wohl auch ganz richtig…

Ich selber würde die Finger vom Jod-Sättigungstest und Hochdosis-Jod Supplementation lassenes sei denn, es gibt sehr, sehr gute Gründe dafür – die mir jemand dann auch sehr gut erklären müsste. Speziell würde ich von Jod-Dosen >500µg-1 mg / Tag absehen, wenn eine der folgenden Bedingungen gegeben ist:

  • eine Autoimmunerkrankung (Hashimoto, etc. pp),
  • eine Schilddrüsen (SD)-Überfunktion, Knoten, etc. pp.
  • eine SD-Unterfunktion obwohl alle Co-Faktoren stimmen (der Körper weiß sicher warum er hier ‘bremst’)
  • chronische Infektionen,
  • eine Schwermetallbelastung (insb. mit Quecksilber / Amalgam) – meist mit einer SD-Unterfunktion verbunden…
  • Probleme mit den Nebennieren,
  • Burnout, CFS, EHS,
  • etc. pp.

Bei all den Dingen kurbelt der Körper meines Erachtens schon am Limit bzw. ‘bremst’ stark ein – aus gutem Grund. Wer nun mit Hochdosis-Jod hier den Dampfhammer machen will – der tut sich meines Erachtens in der Regel keinen gefallen. Selbst wenn er danach wieder (temporär) besser kriechen kann – ist die Frage: Für welchen langfristigen Preis? Der Körper bremst ja in der Regel nicht umsonst über die regulatorischen Mechanismen der Hypophyse und des Hypothalamus ein… schon mal an eine Schwermetall-Belastung gedacht aufgrund der die Schilddrüse einbremst oder kompromittiert ist? Da hilft dann alles Jod der Welt nicht….

Ausblick & Einschränkung

Kann man den Jod-Belastungstest ‘Heilen’? Also den ‘Cut-Off’ anders ansetzten? Stehen Jod-Mengen im Urin und Verträglichkeit von Jod in einer Relation? Sicher Stoff für eine ernst gemeinte Doktor-Arbeit.

Grundsätzlich ist die ganze Idee hinter dem Test ja gar nicht so schlecht . und Dr. Brownstein & Flechas ist sicher auch zu gute zu halten, das Thema Jod & Schilddrüse populärer gemacht zu haben und den Fokus auf dieses wichtige Thema zu lenken. Aber irgendwie habe ich das Gefühl das Sie etwas über das Ziel ‘hinausgeschossen’ sind (wobei die Pharma-Industrie es meiner Ansicht nach in die andere Richtung macht…).

Wichtig: Ich möchte mit diesem Artikel nicht sagen, das höhere Dosierungen von Jod im hohem µg bzw. einstelligem mg-Bereich nicht doch irgendwie individuell sinnvoll sein könnten. Dem geht aber eine komplette Anamnese der Schilddrüse und des gesamten Patienten voraus – um alle Eventualitäten, Hashimoto, andere Autoimmunerkrankungen, eine Nebenniere in Unterfunktion, eine latente Schwermetallbelastung, etc. pp. auszuschließen – bzw. vorab zu behandeln. Auch die Leber sollte Top in Form sein – denn die hat zu ackern, wenn entmüllt wird…. Denn wird der Stoffwechsel des Körpers mit massiven Dosen an Jod (im mg-Bereich) ‘hochgefahren’, dann wird auch die Entgiftung angekurbelt und ggf. geschwächte Organe (u.a. Nebennieren, Leber) werden über Gebühr gestresst. Entgiften ohne Bindemittel, ggf. noch mit eher (normal-) schlechten Leberwerten, wäre dann eine ganz, ganz üble Idee.

 


Quellen / Links