PURE oder POOR Studie? Fett gut – Kohlenhydrate schlecht?!

Verrückter Forscher. Quelle: Wikimedia, Autor: J.J., Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Durch das Ärzteblatt und einige andere Blogs (links dazu ganz unten) bin ich auf die so genannte PURE-Studie [1][2] aufmerksam geworden, welche nach Ärzteblatt die Ernährungs­gewohnheiten von mehr als 135.000 Menschen von fünf Kontinenten über durch­schnitt­lich 7,5 Jahre ausgewertet hat.

Was mich dann beim Lesen fast umgehauen hat waren insbesondere zwei Statements, welche ich hier in der Übersetzung aus dem Ärzteblatt zitiere:

“Menschen, die sich zu etwa 35 Prozent von Fett ernähren – egal ob gesättigt oder ungesättigt, haben ein um 23 Prozent geringeres Mortalitätsrisiko als jene, die nur 11 Prozent Fett zu sich nehmen. “

sowie

“Das niedrigste Mortalitätsrisiko hatten jene, die drei bis vier Portionen Obst, Gemüse oder Hülsenfrüchte pro Tag aßen. Das entspricht 375 bis 500 Gramm. Größere Mengen hatten nur einen geringfügigen zusätzlichen gesundheitlichen Vorteil.”

Dies kommt zu einer Zeit in der die DGE gerade Ihre Ernährungsempfehlungen umkrempelt. Keine Zurückhaltung mehr bei den Fetten insgesamt, sowie das streichen der Warnung vor den ‘unsichtbaren’ Fetten in Milchprodukten.

Verrückte Welt?

Ist nun all das falsch was die so genannten ‘Plant-Based Doctors’ wie McDougal, Essestyn, Ornish, Jacobs, Greger, Barnard, C. Campbell & Co. etc. seit Jahren sagen? All die Forschung die dies unterstützt revidiert? Mehr Gemüse nicht hilfreich? Viel Fett (und damit automatisch weniger Ballaststoffe) doch kein Problem – sowie insbesondere gesättigtes Fett (insbesondere in Tier- und Milchprodukten) problemlos?

Kann sich also auch der deutsche Bürger also weiter so ernähren wie in der nationalen Verzehrstudie II 2008 festgestellt? Also mit eher wenig Gemüse & Obst (~ 500g) – jedoch u.a. viel (und hoch verarbeiteten) Milch- und Fleischprodukten? Und ordentlich Mikronährstoff- und Folatmangel?

Die PURE-Studie auseinandergenommen

Bei der Suche nach Informationen, bin ich auf ein Video gestoßen, das die Studie [1] (die Leider nicht frei einzusehen ist) auf Basis eines kritischen Reviews (WonkReview) bespricht. Wichtig bei allen Studien ist immer auf das so genannte Design der Studie zu schauen.

Zu erst einmal ist interessant das die Teilnehmer der Studie aus 18 Ländern aus der ganzen Welt stammen:

  • Drei mit hohem Einkommen: Kanada, Schweden, UAE
  • Elf mit mittlerem Einkommen: Argentinien, Brasilien, Chile, China, Kolumbien, Iran, Malaysia, Palästina, Polen, Südafrika, Türkei
  • Vier mit niedrigem Einkommen: Bangladesch, Indien, Pakistan, Zimbabwe

Das ist schon mal eine sehr divergente Auswahl… und die Einwohnerzahl der Länder mit hohem Einkommen ist auch nicht gerade sehr groß – die Anteile der Bevölkerung in eher armen Ländern überwiegen sehr, sehr stark. WonkReview dazu:

“PURE study is groundbreaking because it focuses on food patterns in NON-Western countries – and honestly – it’s high time for that.”

Die Studie ist also eine die sich faktisch auf NICHT-Westliche Länder beschränkt. Weiterhin ist die Studie keine klinische – sondern den Teilnehmer wurden Fragebogen gegeben die Sie selber ausfüllen sollen um dort zu beschreiben was Sie essen.

Die Probleme…

Die Studie folgerte das die Menschen, die die meisten Kohlenhydrate zu sich genommen haben (74.8-80.7%) eine höhere Todesrate (‘Hazard ratio 1.28’) über die nächsten 7,4 Jahre hatten als die, die 60% der Ernährung auf KH basierten. Woran sind die Menschen gestorben? Es gab keine spezielle Krankheit die dafür verantwortlich war.

Wer jedoch isst 80% KH? WonkReview dazu:

“For example, in Bangladesh, white rice is listed as the top contributor of carbohydrates, protein, AND total fat. Not exactly a varied diet.”

KH Aufnahme nach Regionen . Quelle: PURE Studie

Kann es also sein, das sich gerade arme Menschen sehr unausgewogen, faktisch nur von Reis, Weissmehl & Co. ernähren –  wie auch die nebenstehende Tabelle aus der PURE-Studie aufzeigt? Das die gleichen Menschen durch die einseitige Ernährung eine ziemlich schlechte Makro- und Mikronährstoffversorgung haben? Eventuell auch wenig Zugriff auf eine medizinische Versorgung, etc. pp? Und im Kontrast, das Menschen die reicher sind und sich mehr Fleisch und Co. leisten können (also weniger KH) Essen deswegen besser abschneiden weil Ihr sozioökonomischer Status besser ist? Also Sie insgesamt eine bessere Ernährung (Abwechslung, Gemüse, Obst) und Gesundheitsvorsorge haben – und nicht im Mangel bzw. an der Armutsgrenze leben?

Kann es also sein, das die Studie herausgefunden hat, das arme (‘POOR’ -> ‘PURE’) Menschen, welche meist eine schlechte und einseitige Ernährung haben – ein höheres Risiko tragen frühzeitig zu sterben?

Hmmmm…..

Was da nicht noch was bezüglich gesättigter Fette?

Die höchste Aufnahme von gesättigten Fetten war in der Gruppe mit ca. 13.2% (11.9-15.1) täglicher Aufnahme. Das liegt noch recht dicht bei den aktuellen Empfehlungen von <10% (ca. nur eine Käsescheibe mehr). Weiterhin zeigt die Studie auf, dass das Sterblichkeitsrisiko der Gruppe mit 9.5% (8.9-10.2%) täglicher Aufnahme an gesättigten Fetten fast identisch war mit denen bei 13.2%.

Wichtig auch hier: In den USA und auch in teilen Europas verzehren die Menschen sogar noch mehr gesättigte Fette als die oberste Gruppe in der PURE-Studie…

Wie kommen die Forscher bzw. die Medien nun darauf, das mehr gesättigte Fette als die aktuellen Empfehlungen aussprechen besser wären? Ja, genau.

Und was waren das überhaupt für Kohlenhydrate?

WonkReview schreibt in der Zusammenfassung, das die untersuchten KH dann auch noch raffinierte Kohlenhydrate waren – von denen wir ja alle wissen das Sie nicht gut sind:

“Additionally, the authors note that the vast majority of carbohydrates captured in the study were refined carbohydrates, and we already have pretty strong reasons for limiting those. “

Hier wurde also nicht eine vorwiegend Pflanzlich-Vollwertige und fettreduzierte Ernährung mit anderen verglichen, sondern eine einseitige Mangelernährung basierend auf raffinierten Kohlenhydraten in armen Ländern mit einer (ggf. nach deutschen Maßstäben) durchschnittlich fettreichen Mischkost-Ernährung in besser entwickelten Ländern. Und wichtig: Die Autoren der Studie haben nicht zwischen raffinierten und vollwertigen (und komplexen) Kohlenhydraten unterschieden.

Und was wurde meist (Ausnahme: Ärzteblatt) nicht berichtet?

Das die gleichen Forscher am gleichen Tag noch eine PURE-Studie veröffentlicht hatten [2], in der sie folgern:

“Higher fruit, vegetable, and legume consumption was associated with a lower risk of non-cardiovascular, and total mortality.”

Sie machen die Mengen an optimalem Verzehr dann jedoch bei ca. 375-500 g / Tag fest. Das ist unter den untersten Empfehlungen der DGE – und ungefähr so wenig (oder viel) wie der durchschnittliche Deutsche verzehrt, so das bei 80% der deutschen Bevölkerung dann nach der Bundesverzehrstudie II z.B. ein Folsäuremangel auftritt – weil zu WENIG Obst & Gemüse verzehrt wird. Und das soll auf einmal gut sein?

Kann es auch hier sein, das die meisten Menschen die in der Studie untersucht wurden sich entweder nicht mehr leisten konnten und die anderen dann eher in mehr Süßigkeiten, Fett-, Milch- & Fleischkonsum investiert haben, wie es u.a. in Deutschland der Fall ist? Kann es auch sein, das sich irgendwie kaum einer der untersuchten Menschen so ernährt hat wie man es tun könnte (u.a. min. 8-10 Portionen Obst/Gemüse – ca. 1Kg – am Tag)?

Sind die alle Dumm? Wer finanziert das alles?

Tja, das hat mich auch interessiert. Deswegen habe ich mal geschaut wer denn die Studie so finanziert hatte. Das habe ich gefunden [3]:

“The main PURE study and its components are funded by the Population Health Research Institute, the Canadian Institutes of Health Research, Heart and Stroke Foundation of Ontario, and through unrestricted grants from several pharmaceutical companies (major contributions from AstraZeneca [Sweden and Canada], Sanofi-Aventis [France and Canada], Boehringer Ingelheim [Germany and Canada], Servier, and GlaxoSmithKline), and additional contributions from Novartis and King Pharma and from various national or local organisations in participating countries……”

Da ist es doch praktisch das AstraZeneca das am meisten verkaufte Medikament in den USA produziert (Crestor -> ein Statin – > Cholesterinsenker). Und was wird mit einem hohen Cholesterinspiegel am meisten assoziert? Der Konsum von Fett, insbesondere von gesättigtem Fett! Und was hilft dagegen? Nicht Medikamente, sondern eine Fettreduktion – wie selbst ich im Selbstversuch und Übereinstimmung mit der Forschung eindrucksvoll belegen kann. Alternativ ggf. eine Ernährung ohne Lektine – also insbesondere ohne Weizen und Kuhmilchprodukte, etc. pp. – nach Dr. Gundry. Am ehesten würde ich jedoch den Weg eines Dr. Essestyn beschreiten -> Essen gegen den Herzinfarkt.

Das hat mich dann nachdenklich gemacht… so fragte ich mich: ‘wer sind denn die Sponsoren bzw. Geldgeber’ des ‘Population Health Research Institutes’? Nach seinen eigenen Aussagen u.a.: (wieder!AstraZeneca, Bayer, Boehringer Ingelheim, Novartis, GlaxoSmithKline, Sanofi-Aventis…. und bei der ‘Heart and Stroke Foundation of Ontario’ – nach eigenen Darstellungen: ist der größte Sponsor (250.000-999.999$) die ‘Dairy Farmers of Canada’, folgend von Pfizer, Bristol-Meyers-Squibb, etc. Ein Milchproduzent als Hauptsponsor? Was?!? Sind in Milch nicht ganz viele gesättigte Fette und andere ziemlich schlechte Sachen

Das alles erinnert mich ganz krass an die Sachen die C. Campbell in seinem Buch ‘InterEssen’ beschreibt – also wie Studien, Meinungen und Forschungen durch die Industrie beeinflusst werden. Und dabei habe ich nur zwei der (größten) Geldgeber untersucht….

Fazit

Mein Fazit ist: Arme Menschen haben (oft)  eine schlechte(re) Ernährung und Sterben früherund mal wieder: Traue keiner Studie (und Statistik) die du nicht selbst gefälscht bzw. beeinflusst hast!

Ich habe ja auch das Buch zur China Study gelesen – die damals weltgrößte Ernährungsstudie, bezahlt von zwei Ländern (China, USA). Da gab es nicht nur Fragebogen zum ‘selbst ausfüllen’ – sondern da kamen dann geschulte Mitarbeiter nach Hause zu den Studienteilnehmer und haben alles überprüft und aufgenommen. Ergänzt wurde das alles mit sehr groß angelegten Bluttests, wobei der gleiche Wert mit verschiedensten Verfahren gemessen wurde um Fehler auszuschließen! Alle Detail-Daten wurden veröffentlicht, so das jeder die Möglichkeit hat alles nachzuvollziehen bzw. eigene Analysen auf Basis der Daten zu tätigen.

Warum macht man heute so viel weniger in der PURE-Studie?

Was ich mich wirklich Frage: Wie können gebildete Menschen so etwas übersehen – oder alternativ: sich so einfach Verkaufen bzw. offensichtliche Zusammenhänge in einer Studie ausblenden? Wie kann ein Lancet das dann noch veröffentlichen? Weil es eine große und gut finanzierte Studie ist? Wie kann die Presse – und da noch eine Fachzeitschrift wie Ärzteblatt – solche marginalen ‘Ergebnisse’ dann so verzerrt darstellen? Also das jetzt ggf. ganz viel überdacht werden müsse auf Basis der PURE-Studie? So das beim Leser nur noch hängenbleibt: Gesättigte Fette gut, KH schlecht, Obst & Gemüse: 500g / Tag vollkommen ausreichend… weiter wie bisher…

Finales Fazit: Selbst Denken!


Links

Quellen

3 Gedanken zu „PURE oder POOR Studie? Fett gut – Kohlenhydrate schlecht?!

  1. Hallo H.C.! Ich freue mich sehr, dass ich auf deinen Blog gestoßen bin.Mir gefällt, mit welcher Akribie du den Dingen auf den Grund gehst. LG, Rosa

  2. Der Text beschreibt das Thema sehr schön, vielen Dank! Ich selber lasse die Kohlenhydrate mittlerweile lieber weg. Zur Zeit verfolge ich einen Ernährungsplan von [Anm.: Link entfernt] mit dem ich sehr gute Erfahrungen mache. Liebe Grüße!:)

  3. Hallo,

    habe gerade diesen hervorragenden Text zur PURE-Studie entdeckt und festgestellt, dass er dieselben “Schwächen” (um nicht von Tricksereien zu sprechen) aufdeckt, wie mein Beitrag dazu auf meinem eigenen Blog. Bei dem Gemüse- und Obstteil der Studie wurde übrigens auch noch mit der Überadjustierung von Störfaktoren gearbeitet. Die Hintergründe zu den Geldgebern sind in Ihrem Artikel noch besser beleuchtet. Erschreckend jedenfalls, dass es solche Papiere trotz Peer-Reviews in den den hochangesehenen “Lancet” schaffen, der damit sein Ansehen verspielt.

    In jedem Fall freut es mich zu sehen, dass es noch andere kritische Geister gibt, die sich kein X für ein U vormachen lassen. Wenn einen das Thema Ernährung allerdings nicht so sehr interessiert, bleibt bei den Leserinnen und Lesern der entsprechenden Schlagzeilen nur hängen: Manche Studien sagen, dass gesättigte Fette schlecht sind, und andere, dass sie gut sind. Also esse ich doch weiter einfach das, was mir schmeckt, einschließlich Fritten, Kuchen, Butter, Sahne, Käse und Speck.

    Für mich lautet das korrekt zusammengefasste Ergebnis der PURE-Studie wie folgt: Der Verzicht auf Fette erhöht Ihre Sterblichkeit – wenn Sie ein unterernährter Bangladeshi sind.

    Freundliche Grüße
    Hauke Dressel

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