Labor-, Referenz- und Blutwerte sind (oft) keine Gesundheitswerte

By | 17. Dezember 2018
Blutwerte aus dem Labor

Blutwerte aus dem Labor. Immer alles Transparent? Quelle: Pixabay

Über das Thema Blut- und Referenzwerte hatte ich vor ca. 2 Jahren schon einmal etwas in meinem allgemeinen Beitrag zu Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen & Co. geschrieben. Nun wollte ich dem Ganzen aus aktuellem Grund nochmal etwas genauer auf den Grund gehen.

So macht man Blut- & Referenzwerte (einfache Version)

Damals hatte ich den Orthomolekular-Mediziner Dr. Volkmann zitiert, der sich auch sehr kritisch darüber auslässt, wie die Empfehlungen für die Referenzwerte beim Blutbild (teilweise) zustande kommen:

“Normalwerte sind ermittelt aus Massenseren… da kommen überall Serumproben zusammen… der eine Patient hat Hepatitis B, der zweite hat eine Virusinfektion, der Dritte meinetwegen AIDS… das heißt wir haben das Serum von 100.000 und noch mehr Kranken…. und dann sagen wir das was 100.000 Kranke (Anm.: Im Durchschnitt) haben, das ist jetzt als Gesundheit gesetzt.”

So grob würde ich das auch noch heute stehen lassen, wobei es im Detail etwas komplexer – jedoch nicht unbedingt besser ist.

So macht man Blutwerte – Einleitung in die genauere Version

Ganz so einfach wie es Volkmann schildert scheint es im Detail jedoch nicht – aber am Ende leider auch nicht wesentlich besser. Das Portal Krank.de [1], aber auch andere [2][3][4][5], schreiben zum Zustandekommen von Referenzwerten grob folgendes:

Bei der Ermittlung von Referenzbereichen werden die Laborwerte von einem Kollektiv gesunder Personen bestimmt. Mit statistischen Verfahren werden dann der Mittelwert und der Bereich um den Mittelwert berechnet, in dem 95% der Werte liegen.”

Das bedeutet, irgendwer bestimmt was ‘Gesund ist’ (bzw. nicht augenfällig krank) – und daraus werden dann die Referenzbereiche gebaut. Nur die 2,5% ganz oben und ganz unten bei den ermittelten Werten gelten als Ausreißer – und werden nicht berücksichtigt. 95% der Menschen um mich sind also ‘gesund’? Ich denke das sind nicht mal 30%. Webmed.ch schreibt dann noch folgendes zu den Normalwerten [4]:

“Im Labor hat der Begriff normal eine statistische Erklärung, beispielsweise wurden Serum-Eisenwerte, Blutbleiwerte oder Urin-Aluminiumwerte statistisch und unter Berücksichtigung klinischer Erfahrungswerte erstellt, d.h. hier wurden statistische Referenzwerte erzielt, die weitgehend und vorschriftsmäßig von Laboren akzeptiert und genutzt werden. Staatliche Organisationen sind involviert und in jedem Fall reflektieren diese vorgeschriebenen, relativ festgelegten Referenz- oder Normwerte zwei Standardabweichungen, d.h. etwa 95% der Bevölkerung fallen in diesen Normbereich.

Also bedeutet Gesundheit (nach den Normen, Laboren und staatlichen Stellen) grob, das man so gesund – oder krank – ist, wie 95% der Menschen, die so gerade um einen herum leben. Geht es allen schlechter – dann ist (bzw. wird) auch die Referenz für “Normal” schlechter. Zwar führt webmed.ch aus, dass “keinesfalls, dass 95% der Bevölkerung, die normale Testwerte aufweisen, gesund sind.” und es alles nur Wahrscheinlichkeiten sind, welche auch symptomatisch bestätigt werden müssen – jedoch ist meine Erfahrung, das viele Ärzte erst dann etwas genauer schauen, wenn die ‘Normwerteskala’ verlassen wird. Aber das ist ja noch nicht alles [2]:

Der Normalbereich kann von vielen Faktoren abhängen, vor allem von Alter und Geschlecht. So gelten beispielsweise für Frauen, Männer, Kinder und Neugeborene unterschiedliche Normalwerte für den roten Blutfarbstoff (Hämoglobin). Außerdem können sich die Grenzen des Normalbereiches von Labor zu Labor unterscheiden.”

Bei den Hormonen ist das Ganze dann geschlechtsspezifisch und ebenfalls abhängig von Alter, Schwangerschaft, Pubertät & Co. Daß dann noch einiges sehr individuell ist, man Menschen mit verschiedenen Haplotypen nicht unbedingt vergleichen kann – ist noch eine andere Baustelle. Irgendwie vermisse ich bei dem ganzen Normwert-Gehabe dann auch eine Diskussion um (individuell) optimale Werte oder anzustrebende Vorsorgewerte.

Wichtig auch: Die Normwerte, welche für jeden Wert einzeln festgelegt werden, berücksichtigen nicht die Interaktionen zwischen den (einzelnen) Werten. Ist A niedrig und B hoch – aber beide noch in den Normwerten – dann kann das Kind schon in den Brunnen gefallen sein. Sind 3, 4 oder mehr Werte beteiligt blickt kaum noch einer durch…

Noch mal zu den 95% der (Blut-)Werte die als ‘Normal’ gelten

Wie kommen Referenzwerte beim Blut zu Stande?

Wie kommen Referenzwerte beim Blut zu Stande? Quelle: Pixabay

Dass das mit den 95% irgendwie in der Praxis nicht klappen kann ist für die Leser hier sicher nachvollziehbar. So schreibt webmed.ch weiter [4]:

Das bedeutet keinesfalls, dass 95% der Bevölkerung, die normale Testwerte aufweisen, gesund sind. Es bedeutet lediglich, dass die 5% der Patienten, deren Werte außerhalb der Norm liegen, statistisch eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit zeigen krank zu sein.”

und ergänzt:

“Dieses statistisch breite Band ist dafür verantwortlich, das Blutcalciumwerte sich mit 95%iger Sicherheit im Normalbereich befinden. Selbst Osteoporotiker mit deutlichen Calciummangelerscheinungen, zeigen mit hoher Wahrscheinlichkeit normale Werte, d.h. Werte, die sich innerhalb dieser Referenzwerte bewegen. Würde man diese statistische Auswertung mathematisch auf 1 Standardabweichung reduzieren, würde ein weitaus höherer Prozentsatz dieser Patientengruppe außerhalb der Norm erfasst werden.”

Das Problem: Die meisten Ärzte wissen das meiner Erfahrung bzw. Einschätzung nach nicht. Die, die ich kennengelernt habe, reagieren meist erst wenn die Blutwerte deutlich außerhalb der ‘Norm-‘ oder Labor-Referenzwerte liegen. Gerade bei den Werten für die Schilddrüse und TSH ist das (nicht nur meiner Erfahrung nach) immer wieder eine riesige Diskussion. Natürlich muss ein Wert außerhalb der Referenz auch nicht gleich schlecht sein – es ist immer der Kontext & der ganze Mensch zu berücksichtigen.

Gesunde Menschen – bitte einmal melden!

Das mit den gesunden Menschen möchte ich noch mal vertiefen. Gesund ist natürlich erst einmal die Abwesenheit von Krankheit – aber wirklich gesund scheint mir das auch nicht. Was für viele noch Gesund sein bedeutet – sieht für mich schon oft krank(haft) aus. Letztendlich kenne ich keinen einzigen Menschen der folgendes erfüllt:

  • 1a Top ernähren, jedoch zumindest konsequent an die Ernährungs-Empfehlungen DGE halten
  • die (fast) keinen Zucker und Alkohol konsumieren,
  • die nicht rauchen, keine Drogen nehmen,
  • die (zumindest nach den Empfehlungen der DGE) keine Mikronährstoffmängel (-> Zufuhr über die Nahrung) haben,
  • die keine Magen- und Darmprobleme haben,
  • die zumindest ein mal pro Tag ‘ordentlich’ auf Toilette gehen (Stuhlgang),
  • die keine (chronischen oder autoimmun-) Krankheiten haben (z.B. Schilddrüsenunterfunktion, Diabetes),
  • die keine (genetisch bedingten) relevante Stoffwechselstörungen haben (z.B. HPU /KPU),
  • die keine außergewöhnlichen Belastungen (u.a. Nachtschicht, psychischen Stress) haben,
  • die geregelt schlafen gehen und ca. 7-8h Schlaf haben,
  • die täglich genug Sonne bekommen und sich mindestens 1-2 Stunden an der frischen Luft aufhalten,
  • die täglich ausreichend Bewegung haben und/oder
  • die mindestens an 5 Tagen je 30 min. sportlichen Betätigungen (z.B. Radfahren, Schwimmen) nachgehen,
  • die geregelt ihre frisch zubereiteten Mahlzeiten einnehmen,
  • die ein ausgewogenes Neurotransmitterprofil haben (u.a. Serotonin, Dopamin)
  • die keine Probleme mit dem Hormonsystem haben (u.a. Progesteron, Östrogen, Testosteron)
  • die keine Amalgam-Plomben (o.ä. Schwermetall-Belastungen) haben,
  • die keine (pharmazeutischen) Medikamente nehmen (z.B. die Pille!),
  • die geistig und körperlich fit sind…

Und diese Liste ist mir mal nur eben so aus den Fingern geglitten… da musste ich nicht mal groß für nachdenken 😉

Das alles lässt sich jedoch schnell abkürzen: Selbst nach den (mickerigen?) Kriterien der DGE und der Bundesverzehrstudie II habe ca. 80% der deutschen Bevölkerung einen Folsäure-Mangel. Kaum einer isst mehr als 400g Gemüse am Tag und ca. 1/3 der Bevölkerung nimmt zu wenig Magnesium zu sich. Da nur mit bester und wirklich ausgesuchter Ernährung die ehemals empfohlenen 15 mg Zink pro Tag geschafft werden können – hatte die DGE die Empfehlung dann auch vor einigen Jahren auf 10 mg/Tag gesenkt. Das fast alle Frauen, welche die Pille nehmen, ihr Hormon- und metabolisches System damit belasten, ist noch eine andere Baustelle (-> die hormonell bedingten Nebenwirkungen sind dabei alle gut in der Packungsbeilage  aufgelistet). Wer bleibt alleine bei dieser kleinen Aufzählung noch als ‘potentiell’ Gesund über? 5%?

Wie aber nun definieren nach webmed.ch [4] die internationalen Laborvorschriften ‘Gesund’? Als:

Abwesenheit von Krankheitssymptomen innerhalb der letzten 12 Monate.

Darunter fällt für mich auch ein Mensch der Schilddrüsenmedikation (-> L-Thyroxin und/oder Thybon) einnimmt, ein (unerkannter) Diabetiker oder Krebskranker, jemand mit einer Schwermetallvergiftung, eine HPU (-> mit daraus folgendem B6 und Zinkmangel) hat, oder einer Dysfunktion der Leber (z.B. durch Alkohol). Nach den Laborvorschriften ist dann jeder gesund,  solange die betroffenen Menschen (noch) keine auffälligen Symptome zeigen bzw. der Krebs, Diabetes & Co. noch nicht diagnostiziert sind.

Was lernen wir daraus? -> Richtig gesunde gibt es kaum (noch). Welche Basis haben dann aber die oft sehr breit angelegten ‘Normwerte’? -> Meiner Ansicht keine sehr große. Natürlich sind Sie ein Indiz, jedoch braucht es viel Erfahrung, hier alles richtig zu interpretieren.

Normwerte – mal so, mal anders

Soweit ich es in Erfahrung bringen konnte gibt es verschiedene Einflussfaktoren auf die Labor-, Referenz- bzw. Normwerte (Anm.: Welche verschiedene Namen für faktisch das gleiche sind) – welche alles natürlich nicht unbedingt besser machen:

  • Laborkondititionen sowie das spezifische Testverfahren. Denn auch der Hersteller der Testkits macht eigene Tests um das ganze grob zu ‘Eichen’.
    • Werte aus verschiedenen Labors mit anderen Verfahren sind also meist nicht direkt vergleichbar.
      • Meint: Referenzwerte können interne Laborkonditionen reflektieren und auch Instrument-typisch sein [4].
  • Teils gibt es dann noch vorgeschlagene Referenzbereiche (Leitlinien) die auf Erfahrungen beruhen,
    • wobei diese Werte, je nach Blutwert und Labor, trotzdem abweichen können, weil
    • die Labore routinemäßig / in regelmäßigen Abständen die Datenbasis erweitern und statistisch auswertet.
      • Meint: Die anfänglichen Referenzwerte werden entsprechend erweitert und angepasst [4].
  • Für einige Werte gibt es keine ‘vorgeschriebenen Referenzwerte’, so das dass Labor dafür verantwortlich ist, eigene Referenzwerte zu erstellen [4].
    • Die werden dann höchstwahrscheinlich das machen, was Dr. Volkmann kritisiert – meint: ca. 95% der Proben gelten als gesund.
  • Spannend: Bei Krankenhaus-Labors (wo es ja viele Kranke gibt) scheinen die Referenzbereiche für einige Werte (z.B. fT3/4) zum ‘schlechteren’ verschoben.
    • These: Das was die Labore also an Proben hereinbekommen hat doch oft eine Auswirkung auf den Bereich.
  • Bei einigen Werten ist jedoch über die Jahre auch eine Tendenz zum ‘schlechteren’ zu beobachten (z.B. Schilddrüse), wo sich dann der ‘normal’ Bereich verschiebt.
    • Was früher krank war ist auf einmal gesund…
    • Aber: Lässt sich jedoch viel mit der Krankheit verdienen, dann ist auffällig, das es auch anders herum läuft (z.B. bei Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker, Osteoporose [7]).

Nur mal ein krasses Beispiel anhand der Labor-Referenzwerte von Vitamin B6 (gemessen im EDTA Vollblut) von verschiedenen Blutanalysen (aus 2018). Folgende Referenzbereiche werden hier angegeben:

  • GanzImmun16,4-80,4 µg/l
  • Medizinisches Labor Hannover8,7-27,2 µg/l
  • In einem Internetforum: 3,6-18,0 µg/l (Anm.: Wobei unklar ist, ob sich der Wert aus 2015 aufs Serum oder Vollblut bezieht)

Wer also bei GanzImmun ganz unten im Roten Bereich liegt – der liegt in Hannover in der Mitte und bei einem dritten Labor schon fast wieder im ‘toxischen’ Bereich einer ‘Übervitaminisierung’. Da fast jede Arzt-Praxis nur mit einem Labor zusammenarbeitet und solche Werte fast nie gemessen werden – fällt es dem Arzt dann sicher auch nicht auf. Wie auch?

Alles klar? Also wie der Hase läuft? Wenn ja, dann erklären Sie dies bitte auch Ihrem Arzt – so das dieser auf mehr als den Laborzettel schaut und mit Ihnen spricht, sie anschaut und konkret Ihre Symptome erfasst & begreift.

Normwerte – Irrungen und Wirrungen

Ein anderer Aspekt bei den Normwerten ist, das selbst die Experten oft streiten, welche Bereiche nun erstrebenswert sind oder wären – oder eben nicht. Teils liegen auch kaum Erfahrungen vor – weil bestimmte Werte kaum analysiert werden. Oft greift auch das 95%-Normwertkonzept nicht – denn wenn sich ein großer Teil der Bevölkerung falsch ernährt (z.B. Übergewicht, Herz-Kreislauf Krankheiten), dann hat das auch Auswirkungen auf die ‘Norm’ bzw. ‘Referenzwerte’. Hier mal einige Beispiele:

  • Bor – wird fast nie gemessen, so das selbst große Labore angeben keine guten ‘Referenzwerte’ zu haben.
  • Bei Vitamin D gibt es auch eine große Diskussion um die anzustrebenden Werte – die sich vernünftiger Weise nicht an dem 95% Schnitt der Bevölkerung orientieren.
    • Nach Auskunft von Ärzten sind bei Menschen die nicht supplementieren Werte unter 20 ng/ml (-> Mangel) schon fast ‘Normal’.
  • Das dann bei Frauen, welche über die Regelblutung (oft zu) viel Eisen verlieren, die Referenzbereiche (insb. Ferritin -> Speicherwert) weiter nach unten gehen als bei Männern – ist für mich ebenfalls unlogisch.
    • Das ist das Resultat des 95% Ansatzes – jedoch bedeutet das nicht, das Frauen weniger Eisen (im Speicher) brauchen als Männer (eher im Gegenteil).

Das gleiche gilt auch anders herum: Nur weil viele Menschen (Männer?) viel Fleisch essen und dann hohe Eisenwerte haben, bedeutet das nicht, das ein Ferritin-Wert im Bereich von 300 ng/ml noch o.k. ist (-> ich kenne Normwerte bis zu 322 ng/ml). Zu viel Eisen (u.a. aus rotem Fleisch) ist massiv Pro-Oxidativ und wird in Alzheimer (Amyloid)-Plaques gefunden. So gelten oft schon Ferritin-Werte >150 ng/ml als nachteilhaft.

Daneben gibt es auch noch viele andere Probleme mit Norm- und Blutwerten. So kann man viele Mineralien im Serum und im Vollblut messen, was jedoch alles nur grobe Indikatoren sind:

  • So kann z.B. der Wert an Kupfer im Vollblut gering sein – intrazellulär aber zu hoch. Um das besser zu korrelieren muss noch Coeruloplasmin gemessen werden.
    • Wer weis das? Wer kennt die Formell für die Korrelation?
  • Ähnliches (aber anders) bei Calcium: Der Körper hält den Wert im Blut möglichst konstant – und plündert dafür das Ca aus den Knochen.
    • Der Blutwert sackt meist erst, wenn das Problem schon sehr groß ist. Auch bei Natrium ist wohl es fast genau so.
  • Noch schlimmer bei Vitamin A (Retinol): Zwar kann man Retinol messen (Serum) jedoch nicht den Speicherwert in der Leber (zumindest kaum in Deutschland).
    • Die Diagnostik und auch das Verständnis der Werte ist hier meines Erachtens sehr, sehr eingeschränkt.

Das bedeutet: Jeder gemessene Blutwert ist oft anders zu interpretieren bzw. macht erst in Kombination mit anderen Blutwerten Sinn bzw. ist erst dann aussagefähig (-> u.a. auch TSH, fT3, fT4 bei der Schilddrüse). Einige Werte sind dann mit großer Vorsicht zu handhaben oder müssten (bei Mineralien und Schwermetallen) optimaler Weise noch mittels Haar- und/oder Urin-Analyse bestätigt werden.

Welchem Arzt ist das im geschilderten Detail bewusst? Und wenn ja, für wie viele der angebotenen bzw. genommenen Blut-Werte?

Taugt das ‘Normalwertkonzept’ überhaupt?

Dieser Frage ist Torsten Arndt (Bioscientia Institut für Medizinische Diagnostik GmbH) in einem längeren Aufsatz nachgegangen [5] und schreibt dazu u.a.:

“Die Mängel des Normalwertkonzeptes sind vielfältig. Tatsächlich sagen „die meisten Sammlungen von Normalwerten nichts [darüber] aus“ [8], wie sie ermittelt wurden. Die experimentellen Ansätze von Normalwertstudien sind oft zu wenig detailliert beschrieben und statistisch unzureichend ausgewertet:

  • Ein- und Ausschlusskriterien für die Gruppe der „Normalen“ sind nicht oder mangelhaft definiert oder nicht konsequent umgesetzt,
  • präanalytische Bedingungen kaum beachtet,
  • Analysenmethoden nicht ausreichend validiert und untereinander nicht vergleichbar und
  • die Anzahl der Probanden zu niedrig, um zuverlässige statistische Aussagen treffen zu können”

Herr Arndt schreibt dann auch noch etwas über die Auswahl von Individuen (Menschen bzw. gesunde Probanden), welche für die Erstellung bzw. Generierung von Normwerten ausgesucht werden. Krass hier u.a. die Aussage:

“Es kann auch eine Medikation erlaubt sein, wenn diese nicht unmittelbar oder indirekt den Zielanalysen beeinflusst.”

Wie man das konkret abschätzen will – also das A nicht irgendwie B über C beeinflusst, ist mir nicht klar. Alleine schon ‘die Pille’ oder Cholesterinsenker haben teils massivste Auswirkungen auf das Hormonsystem mit vielfältigsten (metabolischen) Folgen, welche die wenigsten überblicken. So kommt Arndt zum Schluss zur der Aussage:

Bei Beachtung aller Selektionskriterien für die Referenzindividuen lässt sich kaum eine repräsentative Referenzstichprobe zusammenstellen.”

Wer dann auf den Laborzettel schaut und unterscheiden möchte auf welcher Grundlage die “Normalwerte” basieren (u.a. Empfehlungen, Referenzwerte, Normalwerte, Laborspezifische Werte) der steht im Regen, denn:

bleibt häufig unklar, ob im Laborbefund ein „echtes“ Referenzintervall oder nicht doch ein eher „traditioneller“ Normalbereich ausgewiesen ist. Hierzu fehlen gewöhnlich die Detailinformationen, die sich in einem Befund kaum darstellen lassen (und von den behandelnden Ärzten der Übersichtlichkeit eines Befundes halber wenig erwünscht sind).”

Spannend war für mich hier gerade der Teil in den Klammern…

Mein Fazit

Ein Laborzettel und Werte im ‘Norm-‘ bzw. ‘Referenz-‘ Bereich machen keinen Gesunden aus einem kranken Menschen der sich nicht gut fühlt. Denn es gibt wahnsinnig viele Werte die analysiert werden können – und ob der richtige dabei ist, ist oft fraglich. Dies u.a., da es meist (oft aus Budgetgründen) beim kleinen oder großen Blutbild bleibt – was nun wirklich kaum etwas aussagt (und kostet).

Wird dann, z.B. in Bezug auf die Schilddrüse, mal etwas mehr gemessen (z.B. fT3, fT4) – sind meiner Erfahrung nach die unteren Norm- bzw. Referenzwerte eher solche Werte, bei denen man ggf. noch aus dem Bett kommt – aber eher nur noch ‘stoffwechselt’, anstatt wirklich quietschfidel zu sein. Wer sich dann intensiv mit dem (jeweiligen) Thema (und sich) auseinandersetzt, kann irgendwann die Werte interpretieren – die meisten Ärzte können dieses jedoch nicht bzw. nur sehr eingeschränkt für ein paar Themen. Dies ist teils verständlich – aber es ist problematisch, da viele Ärzte sich von den Patienten nichts sagen lassen – selbst wenn die Patienten Fachbücher und medizinische Fachpublikationen anführen können.

Medizin & Diagnose besteht aus mehr als Blutwerten

Ganz klar schließe ich mich einem Fazit von Dr. Steffen Witte (Netdorkor.de) [2] an, dass Laborwerte allein keine Diagnose erlauben. Dr. Witte schreibt u.a.:

“… Menschen mit einem Laborwert außerhalb des Normbereichs dennoch gesund sein. Umgekehrt kann ein Mensch mit einem Wert innerhalb des Normalbereichs durchaus krank sein. Eine Laborwert-Bestimmung allein reicht also nicht aus, um zu erkennen, ob jemand gesund oder krank ist. Es sind auch noch eine Befragung des Patienten zu seiner Krankheitsgeschichte (Anamnese), eine körperliche Untersuchung und manchmal noch andere Untersuchungsmethoden notwendig. Erst alle Befunde zusammen erlauben eine Diagnose.”

Leider scheint die Praxis heute eher eine andere zu sein. Für aufwändige Krebs-Therapien (also wenn das Kind schon ins Wasser gefallen ist) gibt es ordentlich Geld (viele 10 oder 100.000€) – für etwas mehr Zeit beim Arzt, Vorsorge und ein paar ordentliche Blutwerte (welche- theoretisch, wenn der Arzt das leisten kann – dann mehr Interpretationen zulassen) fast nix.

Nicht nur die Referenzwerte sind oft Zweifelhaft – auch die Blutwerte selber!

Dieser Blog-Beitrag drehte sich ja nur um die Referenzwerte – und nicht darum welche Fehler alles noch von der Abnahme beim Arzt/Labor, die Aufbereitung der Proben (u.a. langsames Wenden aber nicht Schütteln, das Zentrifugieren), das Versenden und Lagern, die Kühlung, die Laborverfahren, etc. pp. einschleichen können. Das Buch ‘Die Blutwertlüge’ [10] gibt hier viele interessante Einsichten in die Problematiken, die oft noch heute bestehen. Auch werden dort kritisch einige der ‘Referenz’-Wertbereich auseinander genommen. Dies jedoch ist Stoff für einen anderen Artikel 😉

Ein Blick in die Zukunft?

Was ist, wenn sich die allgemeine (bzw. Volks-) Gesundheit immer weiter verschlechtert? Also wenn immer mehr Menschen genau das Gegenteil von dem tun, was ich oben in Bezug auf einen gesunden Lebensstil aufgezählt hatte? Dann werden sich wohl auch in Zukunft die Referenz- bzw. Normwerte immer weiter zum schlechteren hin verschieben – denn auch das merkt u.a. Dr. Volkmann in vielen seiner Vorträge an. Wen es interessiert, der vergleicht ggf. selber mal die Norm- bzw. Referenzbereiche seiner eigenen Bluttest und wird sicher Staunen.

Wer noch mehr in Bezug auf die Labormedizin, Werte, Analysen & Co. schmökern möchte – den verweise ich neben dem Buch ‘Die Blutwertlüge’ auf das Kompendium Labormedizin und Mikrobiologie [9]. Dort ist so ziemlich alles was man irgendwie messen kann aufgeführt – oft mit den verfügbaren Analysemethoden, empfohlenen täglichen Zufuhren und ‘Referenzwerten’. Das Dokument scheint jedoch recht gut – es erwähnt u.a. das Zink aus der Nahrung in der Regel eher nicht für Sportler ausreicht.

 


Quellen/Links