Pharmawerbung in der Arzt-Praxissoftware – Ich glaubte es kaum…. & etwas zu Budgets und Pauschalen

By | 27. November 2019
Werbung in der Praxissoftware von Ärzten - gehts noch?

Werbung in der Praxissoftware von Ärzten – gehts noch? Basierend auf einem Bild von: Pixabay

Letztens war ich beim Arzt und bekam ganz große Augen – es ging um eine Verschreibung und ich sah das Logo & den Namen einer anderen Firma in Bunt und Groß – wollte jedoch das Produkt von XYZ, dem ich in diesem Falle mehr traue. Auf meinen Einwand hin, meine mein Arzt in etwa: Ich weis, alles o.k. – das da unten ist nur die Werbung.

Werbung?

Ja, ist da schon seit Jahren – und hier und da – so ungefähr ging der Dialog weiter.

Recht es nicht, wenn die P****a-Vertreter da Tür ein- und aus gehen? Zettel, Notizblöcken, Poster, Kugelschreiber und anderes hinterlassen? Das P****a & Co. umsonst zu Fortbildungsseminaren für Ärzte einladen? – Sicher vollkommen neutral Ihre Produkte im Vergleich zum Wettbewerb und einem Placebo vorstellen? – Die Wirksamkeit sicherlich immer ganz exakt mit denen einer gesunden Ernährung, der Naturheilkunde und sicheren, günstigen und patentfreien Mikronährstoffen vergleichen?

Ein kurzer Vorab-Abschweif, warum mir die Thematik so wichtig ist

Werbung in Arztpraxen ist ja nichts neues. Alleine schon die ganzen Impf-Poster und Broschuren in den Praxen gehen mir gehörig auf den Nerv – alle natürlich nicht vom Arzt selber bezahlt, sondern sicher immer von den Herstellern der Produkte!

Das Problem: Die Hersteller verdienen am Verkauf der Produkte – und wollen Nachfrage (und Umsatz) erzeugen. Der Arzt verdient dann wieder am Impfen – wo er von der Kasse eine extra Pauschale bekommt um sein Budget aufzubessern, weil die Quartalszahlungen für jeden Patienten nicht gerade üppig sind. Also:

  • der Impf-Hersteller bekommt Umsatz, weil Impfmittel (nach RKI) von der Kasse (GKV) gezahlt werden
    • wo andererseits 50€ für 2-3 wichtige (aber budgetierte) Vorsorge-Blutwerte schon problematisch sind
  • und der Arzt bekommt von der Kasse (GKV) eine extra Pauschale von 7,83€ bis ca. 20€ für die (Kombi-) Impfung [9].
    • und indirekt irgendwelche Umsonst-Seminare von den Herstellern – die er natürlich nicht besuchen muss.

Unsinn? Ausweislich der Impfbroschüre [8], Original Text: ‘Die produktneutrale Erstellung der Broschüre erfolgte mit freundlicher Unterstützung von Sanofi Pasteur MSD, Leimen’, kann eine Arztpraxis durch Impfmanagement “Jeden Monat 800 Euro durch Impfen verdienen“. Warum?

Hohe Impfraten wirken sich positiv auf das Honorarvolumen Ihrer Praxis aus. Impfungen unterliegen nicht der Budgetierung, da sie außerhalb des EBM vereinbarte Leistungen sind.” [8]

Sicherlich bringen die Impfraten auch Umsatz für die Produzenten der Impfstoffe… Wer das ganze in Kontext setzt mit den Beträgen die der Hausarzt pro Patient und Quartal bekommt – unabhängig der Arzt-Besuche des Patienten und der Zeit die der Arzt für den Patienten aufwendet!:

  • bis zum vollendeten 4. Lebensjahr: 40,80 Euro
  • bis 18. Lebensjahr: 33,64 Euro
  • bis 54. Lebensjahr: 30,66 Euro
  • bis 75. Lebensjahr: 36,39 Euro
  • ab 76. Lebensjahr: 41,03 EUR

… dem sollte klar sein, das Impfungen (und anderes) relevante Komponenten für den Praxis-Umsatz sind. Dabei sind die 800€ ‘Impf-Umsatz’ wohl eher konservativ gerechnet und stellen bei Kinderärzten (wo in der Regel viel geimpft wird) einen hohen Anteil am Umsatz dar. Früher liefen wohl in Bezug auf ‘Arzt-Umwerbung’ noch ganz andere Sachen ab – aber das Antikorruptionsgesetz im Gesundheitswesen (§299a StGB) beschränkt seit 4.6.2016 die gröbsten Ausuferungen… aber gleich mal weiter im ‘Programm’.

Werbung in der Arzt Praxissoftware wohl gängige ‘Praxis’

So steht selbst im Wikipedia-Artikel zu Arztpraxissoftware [1]:

“Ein Teil der gängigen Praxissoftware im Humanbereich wurde von Pharmakonzernen gesponsert. So waren beispielsweise beim elektronischen Erstellen von Rezepten durch den Arzt Produkte der jeweilig ‘bevorzugten’ Pharmakonzerne häufig vorausgewählt, während Wettbewerbsprodukte oft nur über umständliche Umwege ausgewählt werden konnten.”

Allerdings wurde diese Praxis vom Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) in 2006 in zwei Schritten unterbunden, wodurch die Software-Produkte dann wohl teurer wurden. Aktuell darf wohl nur noch in der Medikamentendatenbanken geworben werden – und das auch nur eingeschränkt bzw. ‘Zertifiziert’. Ja – richtig gelesen ‘Zertifizierte’ Werbung nach AVWG. Das das ganze kein Witz ist, geht auch aus den Produkbeschreibungen verschiedener Arztpraxissoftware hervor [2][3] wie z.B.:

“eine professionelle und werbefreie Software für Ärzte und Therapeuten in der ambulanten Medizin”

und wurde bereits 2008 im Ärzteblatt thematisiert [4] – inklusive dem, was noch erlaubt ist. Was zumindest der Wikipedia-Artikel noch her gibt, ist, das früher auch die Patientendaten für die Werbeeinblendungen genutzt wurden: Ich hoffe nicht irgendwie Online…

Das Internet ist zu dieser Thematik aber schwach…

Ich habe zu der ganzen Thematik nicht viel gefunden – allerdings hatte sich wohl das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg mit der Problematik der Arzneimittelwerbung in Praxissoftware befasst. ‘Lustig’ daran war für mich, das zwei Softwarehersteller gegen die damals neue ‘Rechts-Praxis’ geklagt hatten – weil sonst Ihr Geschäftskonzept nicht mehr funktionieren würde.[5] Heutzutage muss denn auch die Werbefunktion von der KBV zertifiziert und frei von manipulativer Werbung sein [6][5]:

“Eine neue gesetzliche Regelung sieht nun vor, dass nur solche Software in Arztpraxen zum Einsatz kommen darf, die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zertifiziert worden ist.” [5]

Werbung muss nun direkt erkennbar sein, muss weg-gecklickt werden können – und darf nicht mit Funktionen hinterlegt sein. Ich hoffe mal, das nicht irgendwer den Arzt überzeugt folgendes zu machen, was nach einem Journalbeitrag in Medizinrecht wohl möglich ist [6]:

“Eine Voreinstellung in einer Praxissoftware, auch eine solche, die im Ergebnis zu einer Bevorzugung von Produkten eines Mitbewerbers gegenüber vom Arzt in die Rezepterstellungs-Maske der Software eingetragenen Arzneimitteln führt, ist dann nicht als ein unlauteres Dazwischendrängen zwischen Kunden und Mitbewerber anzusehen, wenn der Arzt eine solche Voreinstellung selbst einrichtet.”

Was auch immer aktuell der Stand und die Praxis ist – die Informationen die ergoogelt werden können sind echt sehr, sehr wenig. Was sonst noch alles so läuft – keine Ahnung.

Mein Fazit

Werbung, Werbeeinnahmen & Co. sind aus meiner Sicht manipulativ. Was zuerst ggf. funktioniert – führt aus meiner Sicht langfristig zu Abhängigkeiten. Deswegen bin ich hier im Blog auch so restriktiv damit.

Im Bereich der medizinischen Versorgung sollte Werbung aus meiner Sicht jedoch komplett verboten sein. Schließlich zahle ich über meine Versicherungsbeiträge den Arzt direkt oder indirekt. Da soll der Arzt doch bitte nur meine Interessen im Fokus haben – und nicht (neben seinen) noch die von Dritten. ‘Kostenlose Seminare’ gibt es denn auch so wenig wie ‘kostenloses Essen’ – irgendwer zahlt die Zeche – direkt oder indirekt. Man sollte hier aus meiner Sicht keinen Spielraum lassen um Ärzte irgendwie in Abhängigkeiten zu bringen – auch ungewollt.

Kurz noch was zu Leidlinien & Co.

Heute wird vieles ja schon wieder vieles anders ‘geregelt’, damit der Umsatz läuft: Ärzte sind gehalten, den offiziellen LeiDlinien zur Behandlung folgen – und die setzten oft auf P****a & Co.: z.B. bei zu hohem Blutdruck, Diabetes II, Cholesterin. Also Dinge, die auch zu einem hohen Prozentsatz nur durch die Umstellung des Lifestyle & der Ernährung ‘weg gehen’ bzw. oft deutlich besser werden. Zwar sind die Ärzte in Ihrer Entscheidungsfindung (noch) frei – aber wenn was schief geht, dann stehen da (im Streit & vor Gericht) die Leitlinien. Grundsätzlich sind solche Sachen ja auch gut – die Frage ist nur wer da mitrührt und die Inhalte ggf. im (aus meiner Sicht) unguten Sinne beeinflusst bzw. beeinflussen kann.

Aktuell habe ich dann noch vernommen, das wenn eine (Kassen-) Praxis ‘so und so viele Cholesterin-Zu-Hoch Diagnosen’ hat, das auch ‘so und so viele Statine’ (-> Cholesterin-Senker) verschrieben werden müssen (-> Leitsubstanzen [10]). Heilt nun ein Arzt seine Patienten mit Kochkursen und Essens-Info’s nachhaltig – geht das (wohl) auf sein Budget (-> Abzug). Nicht der Heilerfolg bei den Patienten zählt und ‘zahlt’ also – sondern die Erfüllung von abstrakten Quoten.

Zumindest, also wenn meine Information korrekt ist, spült das Geld in die Kassen von Apotheken und der P****a – und nicht in die von Kochkursen an der lokalen VHS. Insofern wäre ‘der’ gut beraten, der seine Interessen und Produkte schon frühzeitig in den Leit(d)linien strategisch ‘verankert’.

Regress-Forderungen und Wirtschaftlichkeit

Regress-Forderungen der Kassen wegen ‘Wirtschaftlichkeitsprüfungen’ in Bezug auf Verschreibungen (z.B. Physiotherapie) können dann Ärzten nachträglich viele 10.000€ bis > 100.000€ kosten – weil die Krankenkasse dann die Therapiekosten vom Arzt (in Teilen) zurückfordert [10][11]. das kann schon mal eine Privatinsolvenz bedeuten…. Da ist der (Kassen-) Arzt gut beraten, der vorsichtig mit Verschreibungen ist bzw. sklavisch den Leitlinien folgt.

Unsinn? Nö… So schreibt selbst Dr. Peter Noack, Vorsitzender des Vorstands der KV Brandenburg in 2019 [11]:

“Um uns allen die Regress-Angst zu nehmen, hat der Gesetzgeber auf Bundesebene vor zwei Jahren die Regelungen zur Wirtschaftlichkeitsprüfung geändert. Denn nach wie vor ist diese Angst real. Auch den Nachwuchs treibt sie um und ist für viele junge Kollegen einer der Gründe, sich nicht niederzulassen. “

Ggf. kann so der Leser hier auch die Probleme und Problematiken der Ärzte verstehen – zumindest der Allgemeinärzte mit eigener Praxis. So was würde ich mir auch nicht ‘geben wollen’

Fazit-Fazit

Für mich fängt eine Reform damit an, das Ärzte ‘richtig’ bezahlt werden – mit einem Basis-Satz und einem Extra, wenn die Behandlung (langfristig) erfolgreich war. Denn dann sind auch die richtigen Anreiz-Systeme da, dem Patienten (und nicht anderen) wirklich zu helfen!

Natürlich müssen sich die Patienten auch mal ‘an die eigene Nase fassen’: Also nicht nur die schnell-weg Pille haben wollen – sondern auch sein Leben mal komplett hinterfragen und ggf. umkrempeln, wie ich es z.B. in meinen Basic-Tips beschrieben habe.


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