Gibt es einen Cholesterin-Bluff?

Da aktuell mal wieder Dokus im Fernsehen zu Cholesterin auftauchen welche die Sachlage wohl nicht unbedingt korrekt darstellen (z.B. Arte: Cholesterin, der große Bluff) möchte ich hier auf einen Artikel von Cand. Med. Silke Rosenbuch hinweisen, welche die Sendung auseinander nimmt: Gibt es einen “Cholesterin-Bluff”? (Update: Jetzt auch als Video).

Meine Erfahrung

Ich kann Frau Rosenbusch aus meiner Erfahrung nur zustimmen. Zwar gibt es viele Faktoren welche einen hohen Cholesterinspiegel unterstützten und ggf. vermindern können – jedoch ist die Ernährung sicher der wichtigste. Dazu mein Beispiel: Früher, also ich mich noch wie der ‘Durchschnitt’ ernährt habe, also mit ca. 35-40% Fett an der Gesamtkalorienemenge pro Tag (also mit Butter, Käse, Jogurt, Fleisch, Kuchen, Kekse, etc.) hatte ich einen Cholesterinspiegel von ca. 204-209 – und das über die Jahre von 2001, 2004 und 2010 konstant. Mitte 2014 hatte ich dann angefangen mich vollwertig, pflanzlich und fettärmer zu ernähren (ohne raffinierte Öle & Speisefette sowie im Mittel ca. 15% der Kalorien aus Fett). Denn das Fett (egal ob pflanzlich oder tierisch, wobei letzteres oft mehr ungünstige gesättigte Fette enthält) in der Nahrung ist es, was den hohen Cholesterinspiegel macht! Und was ist mit den Blutwerten passiert? Das hier:

cholesterin-blutwerte-hcf

Meine Cholesterinwerte nach der Umstellung auf fettarmes Essen

Gigantisch niedrige Cholesterinwerte – sogar in Fett auf dem Laborzettel – nicht weil es ungesund ist, sondern weil solche (niedrigen) Werte sehr wenig Menschen in Deutschland haben und nicht dem durchschnitt entsprechen. In Asien (z.B. ländliches China in den 80er Jahren ca. 127mg/dl) sind bzw. waren solche Werte normal [1].

Steroid-Hormon-Synthese (Quelle: Verschiedene)

Warum ist ein geringer Cholesterinwert von ca. 150mg/dl oder weniger empfehlenswert? Das erklärt Silke in Ihrem Blogbeitrag, Dr. Essestyn in diesem Buch (‘Essen gegen den Herzinfarkt’) und das Video hier, oder hier, der Artikel hier – welche u.a.  auf die Framington Heart Study abstellen, die am längsten laufende Studie zu Herzproblemen (und Infarkten) in der Welt.

Dabei ist es wohl für Männer vorteilhaft einen nicht zu niedrigen Cholesterinspiegel zu haben, denn am Cholesterin hängt die gesamte Synthesekette der Steroid-Hormone, wie Pregnenolon, Progesteron, Cortisol, Aldosteron, DHEA, Androstendiol, Testosteron und Estradiol (siehe auch nebenstehende Grafik). Gesamtwerte > 190 md/dl sind jedoch (nicht nur meiner Ansicht nach) deutlich zu hoch und nicht vorteilhaft. Mein mittelfristiges Ziel ist denn auch ein Cholesterinspiegel um die 150 md/dl – also am ‘Sweetspot’ der Framington Heart-Study…

cholesterin-chart-framington

Herzkrankheiten (u.a. Infarkt) in Abhängigkeit der Cholesterinwerte (Gelbe Kurve). Quelle

Die Framington Heart Study

Um es dem Leser ganz einfach zu machen habe ich nebenstehend eine (bzw. die) wichtige Grafik aus der Framington Heart Study abgebildet – und die zeigt, das ab einem Cholesterinwert von 150 das Risiko von Herzinfarkt & Co. beginnt – und schon bei 200 ziemlich heftig ist. Warum ist die Kurve bei 300 wieder niedriger? Weil da die meisten schon Tod sind und es um die Fläche unter der Kurve geht! So passieren alleine schon 35% der Herzinfarkte bei Menschen mit einem Cholesterinwert von 150-200. Alles darüber vergrößert das Risiko nochmals.

Und warum sind die Normwerte in Deutschland dann von 140-190? Weil ein Wert über 150mg/dl nicht gleich schlecht ist oder sein muss – je nach dem HDL-Cholesterinwert. Mit einem Wert unter 150mg/dl scheint jedoch das oft angeführte LDL/HDL Verhältnis in der Praxis kaum noch relevant – dazu gleich mehr.

Optimaler Cholesterinspiegel

cholesterin-1Jetzt meint vielleicht irgendwer das Werte unter 140 mg/dl einfach nicht gesund sind? Nein, auch das ist nicht der Fall. Wir essen heute ca. 6-8 mal mehr Fleisch und Milchprodukte (also insb. Fette) als noch vor 100 Jahren in Deutschland, viel Margarine und Pflanzenöle, viel mehr Fleisch und Milchprodukte, alles mit Käse überbacken, Kekse, Kuchen, etc. – alles mit viel Fett. So wurden auch in Deutschland im 18. Jahrhundert nur ca. 13% Fett an der Gesamtkalorienmenge verzehrt die Dr. Jacob in seinem Vortrag aufzeigt. Alle lang lebenden Völker und Kulturen (Okinawa, Adventisten, etc. pp) ernähren sich aber überwiegend Pflanzlich und meist auch Fettarm. In Asien sind (bzw. waren) traditionell Gesamt-Cholesterinwerte um den Bereich von deutlich unter 140 die Norm.

Um das ganze zu verdeutlichen habe ich nebenstehend zwei Grafiken aus dieser Studie (‘Optimal low-density lipoprotein is 50 to 70 mg/dl: lower is better and physiologically normal‘) beigefügt [2].

cholesterin-2Die Studie ist auch in diesem Beitrag bei Nutritionfacts.org verlinkt und sagt aus, das der optimale Wert für das schlechte (LDL) Cholesterin – dem Hauptfaktor für Arteriosklerose – sogar zwischen 55 und 70mg/dl liegt. Das ist dann auch der Wert bei unserer Geburt, bei Populationen ohne Arteriosklerose und Herzprobleme, etc. pp. – ein relativ niedriger Cholesterinwert scheint also sehr viel Sinn zu machen.

In den nebenstehenden Bildern sieht man dann noch, wie das Risiko an Arteriosklerose zu erkranken ab einem LDL-Wert von 70mg/dl beginnt. Bei koronaren Herzerkrankungen geht die Risikoakkumulation ggf. bereits ab 55mg/dl los – wenn man eine Trendlinie über die Ergebnisse ziehen würde.

Bezogen auf diese Studie ist mein LDL-Wert sehr gut. Ich könnte Ihn sicher ohne Probleme noch weiter senken, jedoch bin ich mit allem <= 150 mg/dl Gesamt-Cholesterin absolut zufrieden und und sehe da keinen Handlungsbedarf. Auch möchte ich (wie weiter oben schon angeführt) nicht meine Hormonproduktion ‘kastrieren’ 😉 Meine ehemaligen 209 mg/dl wären jedoch langfristig nicht vorteilhaft gewesen – da reicht mir heute ein Blick auf die Framington Heart Study.

Aber die Eskimos!

… die essen doch fast nur Fleisch und leben auch lange! Nein, erstens leben Sie nicht so lange und zweitens haben die auch einen “Gendefekt” bzw. eine genetische Anpassung, welche Sie wohl ‘etwas’ besser mit dem Cholesterin umgehen lässt. Grundsätzlich haben Sie aber ähnliche Probleme wie wir mit dem vielem Fett. Wichtig ist hier: Wir Mitteleuropäer sind keine Eskimos und haben diese genetische Ausstattung nicht!

Bei Nutritionfacts gabs letztens einen schönen Beitrag der auf die Studienlage eingegangen ist (hier die deutsche Zusammenfassung von Frau Rosenbusch). Hunderte von Studien mit über 1 Million Teilnehmern belegen das ein hoher LDL Cholesterinwert zu Atherosklerose führt. Im Video wird auch auf das Gen PCSK9 eingegangen, was Menschen (z.B. Massai) mit einem natürlichen Cholesterinsenker ausstattet. Haben Sie dieses Gen?

Mein Fazit

Leider geht es vielen Menschen bis zum ersten (oft tödlichen) Herzinfarkt noch recht gut. Ggf. auch nicht wirklich gut, weil Sie nicht wissen wie gut es Ihnen gehen könnte – aber zumindest so gut, das Sie keinen Grund sehen Ihr (Ess-) Verhalten zu überdenken. Ein Tag ohne (fettreiches) Fleisch, Käse, fetthaltigem Aufstrich, der Torte und andere Fette würde heute für viele Entbehrung und Verzicht bedeuten – noch vor 100-200 Jahren war z.B. ein Tag mit Fleisch die Woche etwas besonderes. Und die Jäger- und Sammler verzehrten oft sehr mageres (Wild-)Fleisch in dem auch das Verhältnis von ungesättigten zu gesättigten Fetten optimaler (um die 2:1) und der Fettanteil ist zudem sehr gering (<20%) ist.

Das was heute als normal empfunden wird ist historisch die Ausnahme. Nicht umsonst heißt es auch Zivilisationskrankheit – also eine Krankheit die durch das eigenes Zutun, die eigene Lebensweise, entsteht. Zumindest sind so die Renten der anderen älteren Menschen sicherer und die Krankenkassen sind entlastet – das ist ja auch ein positiver Aspekt des ganzen.

Tip: Das alles steht auch noch mal im Buch Essen gegen den Herzinfarkt, das ich erst letztens hier besprochen hatte.

Nachtrag: Ich möchte natürlich auch darauf Hinweisen das es noch andere Erklärungsversuche gibt: z.B. von Dr. Gundry. Er sagt jedoch später in einem Interview zu seinem Buch, das das was Dr. Esselstyn macht (Buch: Essen gegen den Herzinfarkt) seinem Wissen nach ebenfalls funktioniert. Das Gute: Beide Ansätze sind kombinierbar!


Quellen/Links

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst diese HTML Tags und Attribute benutzen:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>