Lactoferrin – eine Alternative zu Eisen-Supplementen? Ich zweifele da etwas…

By | 19. Juni 2019
Lactoferrin - Eisensupplement aus Milch - funktioniert das?

Lactoferrin – Ein Eisensupplement aus Milch – funktioniert das? Quelle: Pixabay

Lactoferrin wird bei einem niedrigen Eisenwert (und keinem krassen Mangel) auch als probater Weg seinen Eisenwert zu steigern vermarktet. Aktuelle Forschungen überschlagen sich schier mit positiven Botschaften. Doch ist das die volle Wahrheit?

Ich habe mir mal

  • einige Studien im Detail angeschaut und gekuckt was die da überhaupt verglichen haben…
    • Vorweg: Die interessanten Dinge stehen oft nicht im Abstract….
  • einiges negatives in Bezug zu Lactoferrin und dem Gehirn gefunden…
    • So mit Eisentransport (Pro-Oxidativ) über die Blut-Gehirnschranke…. Demenz lässt grüßen.
  • und Gedanken gemacht das Lactoferrin (je nach Form) auch Eisen Chelieren, also ausleiten könnte…
    • Also das Gegenteil von dem macht für was es verkauft wird…

Mein Vor-Fazit: Ich selber würde Lactoferrin nicht kaufen oder einnehmen.

Was ist Lactoferrin ?

Es ist ein ‘Eisen bindendes’ (Glyko-)Protein der Milch und soll angeblich die Aufnahme von Eisen verbessern – ohne negative Effekte wie bei den üblichen Eisen-Supplementen (oxidativer Stress, Durchfall, etc. pp.). Zudem werden lactoferrin noch weitere positive Effekte zugeschrieben, u.a. antioxidative, immunostimulierende, antivirale und antimikrobische Eigenschaften [1][2][3][4][5][6]. Dabei gibt es wohl drei verschiedene Formen von Lactoferrin mit jeweils verschiedenen Eisen-Sättigungen (Angaben in Prozent) [14]:

  • (Abgereichertes) Apolactoferrin (< 4%),
  • natürliches Lactoferrin (15-20%)
  • (Angereichertes) Holo-Lactoferrin (>90% Sättigung)

Handelsüblich ist das wenig gesättigte natürliche Lactoferrin. Lactoferrin selber ist eines der aktivsten Bestandteile des Kololstrums (die erste Form der Muttermilch bzw. Vormilch) und hat eine hohe Affinität zu Eisen – meint, das es 5 mal so viel Eisen absorbieren kann wie es enthält [8]. So soll Lactoferrin das Eisen rund um eine Infektion binden – und so die Reproduktion von ungünstigen Bakterien & Keinen hemmen. In der Wikipedia steht dazu [11]:

“Vom Organismus wird Lactoferrin eingesetzt, um Bakterien das lebensnotwendige Eisen zu entziehen. Da Bakterien essentiell auf Eisen angewiesen sind, wirkt die Eisenverarmung antibakteriell.

Lactoferrin soll nicht nur Eisen binden und ggf. anderweitig wieder abgeben, sondern ggf. auch Zink, Kupfer und sogar Mangan und Aluminium [15]. Die Interaktionen, je nach Sättigung mit verschiedenen Metallen sind dann auch wieder vielfältig [16] – ich denke das alles aufzuarbeiten ist wirklich ein Stück (Recherche-) Arbeit. Die Freisetzung (zumindest) von vormals gebundenem Eisen ist dann pH-Wert abhängig und beginnt ab pH-Werten von unter 3 und verstärkt ab Werten von unter 2,5 [15].

Besser als andere Eisen-Supplemente?

Aufgrund der vielen positiven Eigenschaften wird Lactoferrin sogar als Mittel der Wahl für eine Eisen-Supplementation für schwangere Frauen empfohlen – zumindest noch im Abstract von Wissenschaftlern einer Meta-Studie [5]:

“Thereby, lactoferrin should be the iron replacement agent of choice for treatment of IDA in pregnancy.”

Im Vergleich zu Eisen-Sulfat Präparaten (‘ferrous sulphate’) sollen dann auch weniger Probleme im Darm auftreten [5]:

“Significantly less gastrointestinal side effects were reported with lactoferrin treatment.”

… was mich jedoch nicht wundert, da Lactoferrin nur sehr wenig Eisen enthält und Eisensulfat eher unverträglicher ist – es ist für mich eher eine Null-Aussage. Allerdings stellen sich bei mir hier ein paar weitere Fragen…

Lactoferrin – Zu gut um wahr zu sein?

Das im Lactoferrin gebundene Eisen soll dann an anderer Stelle wieder dem Körper zur Verfügung gestellt werden. Wie das jedoch passiert und wie gut ist mir zumindest noch unklar. Denn im Magen ist der pH-Wert zwar unter 2,5, so das Lactoferrin Eisen abgeben könnte – hingegen nicht im Dick- (pH-Werte 5,5-6,5) und Dündarm (pH-Wert 6-8)… wenn ich das ganze richtig verstanden habe.

Im Buch ‘Die Milchlüge’ [7] wird Lactoferrin im Zusammenhang (als Bestandteil der Milch) in Verbindung mit neurodegenerativen Krankheiten gebracht. Die Autorin schreibt:

Stop - Lactoferrin

Stop! Quelle: Pixabay

“Es wird vermutet, dass beim Verzehr von Kuhmilch Laktoferrin durch die Darmmembran ins Blut wandert und von dort die Blut-Hirn-Schranke passiert, wo es an bestimmte Rezeptoren andockt. Hier ruft es durch das mitgeführte Eisen die Bildung freier Sauerstoff-Radikale hervor, wodurch oxidativer Stress entsteht und letztlich Schädigungen wie das Absterben von Gehirnzellen.” [12]

Das wäre jetzt mal nicht so toll. Ich habe etwas in Pubmed etwas gesucht und noch eine weitere Studie dafür ausgegraben in der ähnliches steht [10]:

“It is possible that in these neurodegenerative disorders affected neurons either take up or synthesize lactotransferrin to an abnormally elevated rate. An excessive accumulation of lactotransferrin, as well as transported iron and aluminum, may lead to a cytotoxic effect resulting in the formation of intracellular lesions and neuronal death.”

… hört sich ebenfalls nicht gut an. In wieweit die neueren Studien die beiden Studien aus den 90’ern ggf. wiederlegt haben, kann ich nicht sagen. Interessant ist jedoch, das der Anteil an Lactoferrin im Speichel als Indikator für die Schwere von Alsheimer genutzt werden kann – und das ist eine Studie aus 2017 [9]. Meint: Wenn im Speichel viel Lactoferrin enthalten ist, dann ist da auch viel Alsheimer. Aus der Studie dazu:

“We have discovered and validated a new single saliva biomarker, lactoferrin, which in our cross-sectional investigation perfectly discriminates clinically diagnosed aMCI and AD patients from a cognitively healthy control group.” [9]

… irgendwie macht mich das sehr nachdenklich – 3 mal was mit dem Gehirn. Zwar bedeutet das nicht direkt, das oral eingenommenes Milch-Lactoferrin schädlich sein muss – aber irgendetwas stimmt für mich an der ganzen ‘positiven’ Geschichte über Lactoferrin nicht. Warum? Körperfremde Milch-Proteine haben keine gute Geschichte und können z.B. im Falle von A1-Beta-Casein wohl sogar Diabetes Typ I auslösen.

‘Antibakteriell’ hört sich ja zuerst schön an… aber…

Aber woher kommt die Hybris anzunehmen, das Lactoferrin nur gegen die schlechten Bakterien im Darm wirkt – und nicht gegen die Guten? Wenn Lactoferrin Bakterien das Eisen über deren Membran hinweg Entzieht, dann ist es ja schon eher ein krasser Eisen-Chelator – also eine Substanz die eine wirklich sehr starke Affinität zu Eisen hat. Diese Wirkung bestätigt auch A. Hall Cuttler (Amalgam Illness).

Die einzelnen Studien schauen da (so wie es mein EIndruck ist) nur auf isolierte positive Eigenschaften, welche einer Vermarktung von Lactoferrin zuträglich sind. Man müsste mal genau schauen, wer die Studien jeweils finanziert hat.

Den Eisen-Chelator-Gedanken weiter gesponnen…

Schlussendlich was für mich die Frage warum dann davon ausgegangen wird, das das Lactoferrin das Eisen irgendwo anders im Körper (bzw. im Darm) wieder abgibt – also bevor es mit dem Stuhl ausgeschieden wird? Die Ernährungsberaterin Stein [8] fragt sich das gleiche – u.a. in Bezug auf das Buch ‘Die Milchlüge’:

“Erfolgt also zusätzlich zur Aufnahme von Eisen eine Zufuhr von Lactotransferrin (z.B. Haferflocken mit Milch), bindet das Milchprotein eine große Menge des Eisens aus der Nahrung und macht es somit unverwertbar für die menschliche Verdauung. Werden Milchprodukte in hohem Maße mit jeder Mahlzeit konsumiert, kann durch die Ausleitung des Eisens durch Lactotransferrin ein gravierender Eisenmangel entstehen.

Schön, das ich mit dieser Überlegung nicht alleine stehe. Lactoferrin als Alternative zum Aderlass bei zu viel Eisen im Blut – auch eine interessante Idee 🙂 Was ich mich jedoch auch Frage. Was ist mit den anderen Metallen zu denen Lactoferrin eine Affinität aufweist?

Ein tieferer Blick in eine Lactoferrin Meta-Studie

Weil ich all diese Daten verwirrend fand, habe ich mal tiefer in die Meta-Studie mit den schwangeren Frauen geschaut [5]. Dort werden unter anderem 4 verschiedene Studien aus Italien und Ägypten mit je ca. 100-300 schwangeren Frauen herangezogen.

Nur in zwei Studien davon wurde überhaupt der Ferritin-Speicherwert gemessen und die aus Ägypten konzentrierte sich nur auf den Hb-Wert. Das ist ziemlich schwach. Weiterhin waren die Gaben an Lactoferrin mit 200-250 mg / Tag über 4 bzw. 8 Wochen nicht sehr hoch (absurd wenig?) – und einmal mit 30% Eisen angereichert. Alternativ wurde in den Vergleichguppen 520 mg (oder mehr) Eisensulfat gegeben, was 100 mg bzw. 150 mg elementarem Eisen entspricht. Ganz schön viel, denn Eisensulfat ist nun wirklich das Eisen-Supplement mit den meisten gastrointestinalen Nebenwirkungen – ein toller Vergleich! Die Autoren der Studie [5] schreiben dann jedoch selber am Ende:

“The reasons for downgrading the evidence included unclear reporting of study methods in some trials (especially with respect to randomization, allocation concealment and blinding), high heterogeneity in hematological outcomes and there is lack of answer to some secondary outcomes, while others were included in only one or two studies (Table 2). Thereby, it could be argued that findings of this meta-analysis should be interpreted with caution

Wie die Autoren aus der Datenlage dann ableiten, das Lactoferrin ein Mittel der Wahl bei Schwangeren mit Eisenmangel sein sollte – erschließt sich mir nicht… gar nicht… nicht ein Stück.

Beigeschmack?

Wie ich schon in meiner Analyse der PURE-Studie belegt hatte – sind viele Studien oft widersprüchlich bzw. nutzlos. Warum? Ohne die genauen Hintergründe, die Verstrickungen, das Studiendesign und die Sponsoren zu kennen – kann man oft nichts mehr glauben bzw. muss alles nochmals hinterfagen.

Für mich hat es schon einen Beigeschmack, das die Autoren im (meist kostenpflichtigen) Volltext der Meta-Studie [5] ziemlich viel Einschränken, jedoch in der veröffentlichten Kurzversion bei PubMed (Abstract) – welche frei einzusehen ist – etwas schreiben bzw. empfehlen, was ich nach dem Lesen der Studie nie folgern würde. Für mich ist das schon eine ziemliche Irreführung.

Mein (aktuelles) Fazit

Zwar übersteigt einiges in Bezug auf den möglichen Mechanismus, mit dem das Lactoferrin ggf. das Eisen im Darm wieder abgeben könnte, (aktuell) meinen Horizont bzw. meine Zeit – jedoch sehe ich bei der sich mir dargebotenen Datenlage keinen nachvollziehbaren Grund von gut verstandenen Eisen-Supplements (u.a. Bisglycinat) auf (Kuhmilch-) Lactoferrin zu wechseln. Das A. Cuttler dann auch noch Lactoferrin als Eisen-Chelator erwähnt [17] setzt dem ganzen die ‘Krone’ auf. Genau das ist auch meine Interpretation zum Verhalten von Lactoferrin.

Das Lactoferrin gegen pathogene Keime, Candida & Co, wirkt bezweifele ich nicht, jedoch ist mal wieder die Frage ob das Gesamtpaket passt. Wer wenig Eisen hat – müsste meines Verständnisses nach dann wirklich mit Eisen-Bisglycinat & Co. supplementieren. Da das Supplement-Lactoferrin aus (Kuh-) Milch produziert wird – könnte es, je nach Produktionsprozess, ggf. noch Rest-Milcheiweiße (-> potentielle Allergene) enthalten. Das hätte dann für mich so das Potential die Magen-Darm Flora auch negativ zu verändern – oder Unverträglichkeiten auszulösen – wer weiß…

Irritierend fand ich dann auch, das in den Eisen-Studien nur ca. 250 mg / Tag Lactoferrin gegeben wurden – jedoch die Verzehr-Empfehlungen auf den Pulvern deutlich höher ausfallen. So scheint die Dosis Anwendungsvariabel, wobei es bei hohen Dosen (bei Test mit Mäusen) wohl keine scheinbaren Probleme gab [13]. Das ist auch das allgemeine Bild, wenn man eine kurze Internet-Recherche macht – viel positives, aber nichts wirklich detailliertes – vor allem nicht in den populärwissenschaftlichen Artikeln.

Wenn ich Stutzig werde….

Da ich bei einer (kurzen) Recherche nichts gefunden habe, was sich weiter mit den negativ beschriebenen Effekten (-> Gehirn & Co.) auseinandergesetzt hat – wurde ich noch nachdenklicher. Speziell deswegen, weil sich die positiven Geschichten einfach zu arg häufen & ich auch schon mal auf die ganzen Heilsbotschaften zu Chlorella hereingefallen bin.

Gerate die Interaktionen mit Zink, Kupfer & Co., über welche ich nur durch Zufall gestolpert war [15], machten mich dann noch mal nachdenklicher. Im Kontext Eisen, Zink & Kupfer erinnerte ich mich dann an das Buch ‘Powerfoods for the Brain’ wo der Autor Barnard diese Metalle in Zusammenhang mit Plaques bei Alzheimerpatienten erwähnt -> also das dort diese Metalle gehäuft vorkommen. Gerade Eisen und Kupfer sind ja nicht ohne. Spielt Lactoferrin hier ggf. eine Rolle? Oder liegt es ‘nur’ an dem Konsum von zu viel rotem Fleisch & Co.?

 


Quellen / Links